Interview Fortsetzung 2

ROSA: Wie würdest du deinen Bewußtseinsprozeß erklären, wie du langsam zu dem gekommen bist, was du jetzt denkst?

HELGA: Was ich vorhin erzählt habe, dass ich als Kind meinen Eltern schon ganz früh nichts abgenommen habe, ich habe mir von niemandem Wahrheiten sagen lassen, sondern ich mußte selber dahinterkommen. Ich habe sehr viel gelesen, lese jetzt immer noch viel, und dann habe ich eben 1945 die Kirche verweigert. Ich habe 1973 meine Biographie geschrieben (250 Seiten). Da gab es: 1. Kirche; 2. Bundeswehr; 3. Ehe. Und dann habe ich jahrelang mit meinen Kindern in der Schule Ärger gehabt. Man denkt, Hamburg, das ist so eine freie Stadt, aber da kommt die Schulleiterin und sagt: "Frau Goetze, unsere Lehrer erteilen doch so einen schönen geschichtlichen Unterricht, Religionsunterricht das ist doch für die Bildung!" Ich sage: "Wieso? Sie haben ein Konkordat mit der Kirche abgeschlossen. Sie müssen einen konfessionell gebundenen Religionsunterricht erteilen, die katholischen Kinder nehmen ja auch nicht an diesem Religionsunterricht teil, wieso sollen meine Heidenkinder an dieser Fehlinformation teilnehmen?" Damals war ich noch dumm, verstehste? Da kommt meine Tochter nach Haus und sagt: "Mutti, ich darf immer im Religionsunterricht dabeisitzen und malen." Da bin ich wieder hingegangen, habe gesagt: "Wir haben das Elternrecht. Unsere Kinder sollen nicht am konfessionell gebundenen Unterricht teilnehmen, das bedeutet, dass sie auch nicht dabei sitzen sollen und malen. Noch haben wir diese Freiheit." So habe ich mit meiner Beharrlichkeit ewig Unruhe gebracht, aber welche Eltern halten das nun durch? Es geht ja auf Kosten der Kinder, weil nachher die Lehrer auch dumm reagieren.

ROSA: Wieviel Kinder hast du?

HELGA: Sieben, fünf Töchter und zwei Söhne. Jesses!

ROSA: Wann ist das letzte geboren?

HELGA: Als ich von zu Hause wegging, war die Jüngste 16 Jahre alt, sie wird morgen 22 Jahre. Ich weiß nicht, wann es zu früh ist und wann zu spät, dass man vom Zuhause weggeht. Ich würde auch nicht die Hand für mich ins Feuer legen, wenn das Ganze zehn Jahre vorher passiert wäre, dass ich nicht zehn Jahre vorher schon weggegangen wäre von zu Hause. Ich habe das große Glück gehabt, dass ich meine Familie bis zu einem bestimmten Abschluß habe bringen können.

ROSA: Wie hast du deine Kinder sexuell aufgeklärt?

HELGA: Also, es hieß immer, Helga wird eine gute Mutter, die spielt so reizend mit ihren Puppen. 1944 ist mein erstes Kind geboren. Ich habe unserem Führer 1944 noch ein Kind in die Wiege gelegt, leider bloß ein Mädchen, aber besser als nichts. Da gab es ein Buch, das hieß: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Die drei obersten Pflegegrundsätze waren Ruhe, Ordnung und Sauberkeit — und da habe ich ein kleines Gedicht:

ALS MEINE MUTTER EIN BABY BEKAM

Da hat sie ein schlaues Buch und

Sie mich so nach Gebrauchsanweisung erzogen

Papieren, welch ein Fluch

Drei Gebote standen an oberster Stelle

RUHE, ORDNUNG UND SAUBERKEIT

Da stand nichts, es ist kaum zu glauben

Von Liebe und Wärme und Zärtlichkeit

Parieren mußte ich wie ein kleiner Hund

Kuschl Frissl Und halte dich reiner

Und immer stand sie wie ein Wärter bereit

Und nichts konnte ich als Kind alleine

Und konnte Ich als Kind nichts tun

Wie sollte Ich es später?

Ich bin geblieben, wie sie mich zog

Ein anständiger, kläffender Köter

Und ich belle noch und ihr seid bloß noch anständig.

Das wäre also genauso, als würde man einem Mann ein Buch in die Hand drücken und sagen: Nun bau‘ mal schön ein Haus! Der deutsche Maurer und sein erstes Haus! Ich möchte mal wissen, was daraus wird. Krumm und schief! Du, ich war zwanzig und doof, ich bin von meinen Puppen in die Ehe gerutscht, weil es hieß, das geht. Autofahren mußt du wenigstens mal lernen, Mutter sein nicht. Das Kind, der erste Säugling, den ich jemals in meiner Hand hielt, war mein Säugling. Hör mal! Das ist eine totale Perversion! Nun habe ich das große Glück gehabt, ich bin noch körperlich, ich habe meine Kinder jahrelang an der Brust gehabt. Ich habe immer dabei gelesen, das war bestimmt auch nichts Tolles. Ich konnte mich fünf Stunden am Tag aus der ganzen Familie ‘rausziehen, habe dann gemütlich gelesen und hatte das Baby total kommunikationslos an der Brust hängen.

ROSA: Hast du alle deine Kinder genährt?

HELGA: Ja, aber... die Neurose der Kinder ist schlimmer als die der Eltern. In meiner Familie brauchte ich meinen Kindern nichts zu verbieten, weil ich sowieso nichts über Sexualität wußte. Eine Tochter war vier Jahre und im Kindergarten, da sagt sie abends im Bett zu mir: "Mutti, der Peter hat gesagt, wenn man da unten streichelt, das macht ganz viel Spaß!" Also! Ich möchte mein Gesicht nicht gesehen haben. Ich selber habe mit 32 Jahren das erste Mal gewichst. Meine Wichsphantasien, die sind sowieso schlimm. Ich muß immer vergewaltigt werden, die machen alles mit mir. Der Vater ist gesichtslos, delegiert es an den Sohn, und der Sohn muß ausführen, was der Vater ihm sagt. Zum Schluß darf der Sohn dann auch noch mal mitficken, wenn der Vater dann fickt, oder es ist eine ganze Schulklasse, die mit mir fickt. Ich bin nur immer ein Objekt bei meinen Wichsphantasien, alles bleibt gesichts- und körperlos.

ROSA: Dein Bewußtwerden kam praktisch erst viel später?

HELGA: Ja. Zuerst habe ich mich zwanzig Jahre lang um die Frage "Kirche" bemüht. Was ist Evangelisch? Was ist Katholisch? Wer ist der liebe Gott? Wer sind die Juden? Wer ist Jesus? Was ist tattatata? Ich hatte niemanden, den ich fragen konnte. Dann war ich mal bei einem Volkshochschulkurs, da war so ein Pastor, der sagte: "Unsere liebe Frau Goetze, immer so ein bißchen in Natur und so!" Na und? Ich war sprachlos, ich wußte nichts. Aber nach zwanzig Jahren habe ich für mich in Ordnung bekommen, was Kirche bedeutet. Dann bin ich 1960 Mitglied im VK geworden. Ich war die einzige Mutter weit und breit, die das Interesse hatte, sich im Verband der Kriegsdienstverweigerer Informationen zu holen, dass die Söhne nachher fähig waren, diesen Verweigerungsprozeß zu führen. Später sagten mir Mütter: "Bei der Bundeswehr lernen sie doch endlich mal Ordnung!" Ich sagte: "Na hört mal! Da lernt man keine Ordnung, da lernt man, wie man sich gegenseitig am besten umbringt." Ich sagte denen: "Seid ihr irre? Ihr laßt euren Kindern im Religionsunterricht beibringen, Du sollst nicht töten! und dann laßt ihr ihnen beibringen, wie sie in recht kurzer Zeit recht viele Leute umbringen." Ich wollte das nicht. Meine Söhne waren anerkannte Kriegsdienstverweigerer zu der Zeit, als das noch gar nicht aktuell war.

ROSA: Kannst du ein bißchen erzählen, wie das weitergegangen ist?

HELGA: Ich bin 1960 immer zu Vorträgen von Kriegsdienstverweigerern gegangen. Da haben wir z.B. über die Utopie des Friedens gesprochen. Was hat Gandhi in Indien gemacht, um die Engländer auszuschalten? Was haben die Norweger im Krieg gemacht, um passiv Widerstand zu leisten? Das waren scheinbar ganz kleine Sachen. Ich habe Ostermärsche mitgemacht, und dann bin ich von 1964 bis 1977 einmal im Jahr zu einer freien Akademie gefahren, wo es wissenschaftliche Vorträge gab. Ich habe am Anfang keine lateinischen Wörter verstanden. Wenn die sagten "Ökologie", "Ökonomie" und "Ontologie", da habe ich gar nicht gewußt, wovon die redeten. Inzwischen habe ich diese Wörter dauernd im Wörterbuch nachgeschlagen und mir Kenntnisse verschafft. Nun ist es meine große Stärke. Wenn mich einfache Leute fragen, kann ich ihnen Sachen erklären, weil ich mir das nämlich selber alles so mühsam beibringen mußte. 1968 bin ich nach Sizilien gefahren. Bei der freien Akademie war das Tagungsthema gerade Sinnlichkeit und Sexualität gewesen, und ich war eine Woche lang durch viele Vorträge so vorbereitet worden, dass ich zu Giovanni offen sein konnte. Wir hatten noch eine Freundin mit im Urlaub, die von ihrem Mann getrennt lebte. Und später habe ich zu meinem Mann gesagt: "Warum hat die Gerda das nicht mit dem Giovanni erleben können?" "Ach", meinte mein kluger Mann, "die wäre gar nicht fähig gewesen, so etwas zu spielen."

ROSA: Was für Vorträge hast du gehört?

HELGA: Wissenschaftliche Vorträge. Das war eine freie Akademie, die 1952 gesagt haben, in den Universitäten wird so viel geforscht, sind soviel Erkenntnisse angesammelt, und das kommt nie unter die Leute. Wir wollen mal versuchen, zu einem bestimmten Thema, "Der Einzelne und die Gesellschaft" z.B., Wissenschaftler zu holen, Biologen, Psychologen, Ärzte und Lehrer. Dort sollten Vorträge gehalten werden, zu denen einfache Leute auch Fragen stellen können. Es gab also immer einen Vortrag und hinterher wurden in kleinen Gruppen Fragen gestellt. Diese freie Akademie hat eigentlich meinen ganzen intellektuellen Prozeß gefördert. 1968/69 habe ich dann mit Giovanni dieses sexuelle Erlebnis gehabt und anschließend italienische Sprachkurse besucht, im Ganzen vier Jahre. Ich spreche quasi perfetamente, questa bella lingua. Mit dem Herzen, con cuore. Doch dann mußte ich begreifen, dass der Giovanni seiner Familie nichts mehr erklären konnte. Der mußte in Palermo bleiben und ich in Hamburg. Und da hat mein Mann mir wieder geholfen; es gäbe so Bekanntschaftsanzeigen im Hamburger Abendblatt oder in den St. Pauli Nachrichten! Ich habe gedacht, spinnt der? St. Pauli Nachrichten? So ein Schweinkram, echt. Da hat er mir Zeitschriften mitgebracht, die ich so durchblätterte und dachte: Spinner! Kater sucht Kätzchen. Strenge Erzieherin gesucht!Doch dann habe ich angefangen, auf Annoncen zu schreiben, z.B.: Junger Mann sucht Gespräch mit Atheistin oder Jüdin! Mit dem habe ich mich zweimal zum Kaffee trinken in einem Café in der Stadt getroffen. Beim zweiten Mal fing dieser junge Mann plötzlich an, über meinen Oberschenkel zu streichen, und ich fragte ihn: "Können wir nicht irgendwo hingehen?" Da fiel er aus seinen ganzen Wolken heraus und sagte: "Nein!" Ich habe ein möbliertes Zimmer und in einem möblierten Zimmer würde das nie gehen. In ein Hotelzimmer würde er eigentlich auch nicht gehen... Wenn er mal eine eigene Wohnung hätte... Ich sagte: "Du, ich möchte jetzt nach Haus." Da hat er mich angerufen, er hätte eigentlich ein ganz schlechtes Gefühl gehabt. Er hätte noch ein bißchen bei mir bleiben müssen. "Na, ja!" sagte ich, "ist schon gut."Das ist eine Geschichte, die auch hätte weitergehen können, aber immer wenn ich den magischen Kreis nachher überschreiten wollte, habe ich gesehen. dass es nicht ging.ROSA: Was heißt eigentlich magischer Kreis? Du hast praktisch nicht mit denen auf Grund der Anzeige geschlafen?HELGA: Doch, ich wollte mit denen ficken, aber das kriegten die ja nicht fertig. Ich schlafe ja nicht mehr mit Leuten, sondern ich ficke. Ficken ist der Dialog zwischen zwei Gleichen, den es noch nicht gibt. Die meisten Leute rammeln, stoßen, bumsen und vergewaltigen. Vögeln ist die schöne Tierstufe, das ist so meine Version. Ich habe am Anfang meiner Ehe sicher noch gut gevögelt, weil ich total bewußtlos war, keine Kenntnisse hatte. Wenn nachher Information ‘reinkommt und die Gefühle langsam in Unordnung kommen, dann fangen die Leute an, zu rammeln, zu stoßen, zu vergewaltigen, Selbstmordphantasien zu haben. Ficken ist eigentlich diese Bewegung. Wenn ich sage, ich bin fickerig, als Eigenschaft kann es jeder annehmen, da weiß man genau, dass es bei mir im Arsch sitzt, also bin ich fickerig. Wenn ich es tätig machen will, sitzt da die Sperre. Ficken ist einfach die Bewegung, hin und her, her und hin. Wir können uns zack, zack, zack, zack oder wir können uns auch ahh, ahh, ahh, ahh! Es kommt darauf an, wie wir uns bewegen, das Wort kann nichts dafür. Ficken ist ganz wertfrei, hin- und herbewegen. Wenn wir das gut können, mit Information, dann können wir strömen, und das ist das Gleiche wie Vögeln, aber mit Information. Beim Strömen brauchen wir auch keine Wörter mehr. Ahh!

ROSA: Dein Mann hat dich praktisch ermutigt, mit anderen Partnern zu schlafen. Meinte er, es wäre gut für die Ehe oder für dich?

HELGA: Für mich. Er war so erschöpft, dass er dachte, ich schaffe das nicht mehr.

ROSA: Hast du denn viel mit ihm darüber geredet?

HELGA: Nein. In unserer Ehe wurde über solche Dinge — also hör‘ mal... es war sehr schlimm —eigentlich nicht geredet.

ROSA: War das für dich eine Überwindung, diese Anzeigen aufzugeben?

HELGA: Das war ganz merkwürdig, wie ein Spiel. Ich fing an, eigentlich jetzt loszulaufen, als ob mich einer auf einen Berg gestellt hätte. Als hätte einer mir einen Schubs gegeben und gesagt: Nun lauf! Jetzt bin ich am Laufen, bin ich immer noch am Laufen.

ROSA: Hattest du damals schon geschrieben, warst du da schon literarisch?

HELGA: Es war tatsächlich so, dass ich schon in jedem Schulaufsatz eine Eins hatte. Es gibt da so ein Weihnachtsbuch, das habe ich für meine Familie gemacht. Wir haben am Totensonntag immer eine Kiste mit Erde gefüllt und kleine Zweige ‘reingesteckt, so eine Landschaft, und mein Mann hat mir kleine Holztiere geschenkt. Außerdem hatten wir eine selbstgebaute Krippe. Es war eigentlich richtig warm bei uns.

UND EIN ATMEN GEHT DURCH'S HAUS

Nun haben wir es geschafft

Feierlich und still ist's draus

Wir sammeln letzte Kraft

Kinder bauen in ihrem Zimmer für die Eltern auf

Unten wirkt die Mutter immer, bis die Tür geht auf

Weihnachtskerzen, Weihnachtslicht, heller Tannenbaum

Merken all’ die Mühe nicht, staunen wie im Traum

Kleiner Baum mit deinen Flittern

Schöngeputzt geschmückt

Ach du brauchst nicht mehr zu zittern

Bist ins Licht gerückt Ist dein Sterben auch gewiß

Hast das Glück gesehen

Vielen Wesen hier auf Erd‘

Wird das nie geschehen. |

Das habe ich für meine Kinder gemacht, ohne Anspruch. Jedes Kind bekam einen Vers, z.B.: Die Mechthild, unsere Dicke,

Das ist eine ganz Schicke,

Wie sieht die Mechthild lustig aus,

So wie ein bunter Blumenstrauß.

Da haben sie sich immer gefreut. Aber ich habe das bloß als Spielerei genommen. Mich hat zur Dichterin gemacht, dass mein Mann mir sagte: "Geh‘, aber komm’ wieder, wir brauchen dich alle!" Danach hatte ich ja keinen, dem ich etwas vorjammern konnte. Ich konnte doch diesem guten Mann nichts vorjammern, der zu mir gesagt hatte, sprachlos, der hat sprachlos gesagt: "Ich schaffe das nicht mehr, ich will nicht, dass du leidest, du sollst leben, ich weiß bloß nicht, wie ich’s machen soll." Nun, da habe ich angefangen, die Sachen aufzuschreiben, um den Druck loszuwerden. Ich lese eins, das heißt:

"Der Gockelhahn":

ICH WANDERE FRÖHLICH DURCH DIE WELT

Und geh‘ so auf Besuch von Hühnerhof zu Hühnerhof

Und scheu‘ nicht den Geruch

Da treff' ich Hähne, Gockelfein

So plusterich und bunt

Und viele Hennen untertan

Doch dienstbar und gesund

Kikeriki so schrie der eine mir

So ist das nur gerech

Ein Hahn und zwanzig Hühnerchen

Genau wie Herr und Knecht

Ich schiele so die Beine an

Von meinen lieben Hennen

Und rührt mir eine den Popo

Laß‘ ich die andern flennen

Ich bin der Herr und mein Hormon

Das gibt mir Recht und Sitte

Das Huhn ist eine Sache nur und gackt lieb

Danke, BitteIst mir danach, dann krähe ich

Und wünsche, dass die Weiber den ganzen Tag und auch des Nachts

Sind meine kleinen Zeitvertreiber

Ich bin die Krone der Natur und berge stolz den Samen

Und Eier legt er noch und noch der Flor der lieben Damen

Sie sagen Gick und Gack

Nur wie ich es so will

Und krähe ich dann forder‘ ich

Die Weiber halten still

Und all’ die Männer Gockelhahn

Die nehmen den zu Maß

Und wundern sich, wenn Langeweil‘ bestimmt den ganzen Spaß

Denn ohne Spannung und Ruck Zuck, wenn unser Männe will

Dann muß man ja, wer gibt sonst Geld?

Gehorsam halten still

Doch wenn wir streiken, Hühner he

Denkt doch darüber nach

Was macht dann unser Gockelhahn den lieben langen Tag?

Was ich erlebt hatte, das mußte ich loswerden. So habe ich mich hingesetzt und die Sachen geschrieben aber ohne einen Anspruch.

ROSA: Du kanntest auch wenig kreative Leute um dich ‘rum?

HELGA: Ich habe mit meiner Familie mitten im Wald gelebt, in Neugraben, das ist am Rande von Hamburg, bei den sieben Zwergen, hinter den sieben Bergen habe ich gewohnt. Außer dem Turnverein, der in so einer kleinen Dorfgemeinde immer etwas Wichtiges ist, gab es nicht viel, höchstens noch die verschiedenen Schulen meiner Kinder. Dann hatte ich so einen Hausfrauenklub, da haben wir zehn Jahre lang Kochrezepte ausgetauscht und Tatü, wer krank war, dem wurde ausgeholfen. Ich kannte keine Leute, ich war nie im Theater gewesen, ich hatte sieben Kinder, ja, ich weiß nicht, ob ihr euch das so richtig vorstellen könnt.Ich hatte immer viel Rummel im Haus. Da war z.B. ein junges Mädchen mit einem unehelichen Kind ein Jahr bei uns, als die Jüngste elf war. 1972 bis 74 hatte ich Drogensüchtige im Haus. Von 1970 bis 72 habe ich auf Annoncen geschrieben und Annoncen in Zeitungen gehabt. 1970 hatte ich eine Annonce aufgegeben: Suche poetische Begegnung. Daraufhin hat sich ein Mann gemeldet, ein Slowake, der sprach 14 Sprachen. Er ist mit vier Sprachen groß geworden. Die Slowaken sprechen gleichzeitig Ungarisch und die Tschechen gleichzeitig Deutsch. Der ist in einer Ecke groß geworden mit allen vier Sprachen. Ich habe nachher gedacht, wie kann man das schaffen! Der sang deutsch: "Oh Tannenbaum" und slowakisch sang er "Stille Nacht, Heilige Nacht". (lacht) Der Mann war ein Zwangsneurotiker. Ich habe damals nichts von Psychologie gewußt. Der hatte einen Waschtick. Wenn von Liebe die Rede war, war er plötzlich im Badezimmer verschwunden. Ich dachte, wo ist der eigentlich? Ich habe noch eine halbe Stunde Illustrierte gelesen, dann bin ich durch die Wohnung gegangen. Da saß er und wusch sich, der wusch sich, der putzte seine Zähne, da konntest du sehen, dass die Mutter im Hintergrund stand und sagte: "Das nennst du Zähne putzen?" Ein hochkluger Mann, der klügste Mann, den ich kenne. Der hatte Psychologie und Medizin studiert, und der hat drei Jahre lang versucht, mich kaputtzumachen. Der hat mich drei Jahre lang zur Schwulen umfunktioniert, ich durfte drei Jahre, jetzt kommt‘s nämlich, wieso hat Helga Goetze plötzlich Beziehung zum Schwanz, verstehst du. Ich durfte drei Jahre lang nur mit Hand und Mund an seinen Schwanz. Und zwar nachts von zwei bis drei, nachdem ich seine Wohnung gescheuert hatte. Seine Wäsche habe ich die ganze Zeit gewaschen. Da fragen mich die Leute: "Warum haben Sie das denn drei Jahre getan?" Ich sage: "Ich habe von dem Mann unglaublich viel gelernt." Ich habe mal bei Castaneda gelesen, der Krieger, der braucht Wohltäter und Lehrer. Mein Mann ist jahrelang mein Wohltäter und mein Lehrer gewesen, und als mein Mann nicht mehr mein Lehrer sein konnte, kam der und ist drei Jahre ein sehr strenger Lehrer gewesen. Der wichtigste Satz, den er mir gesagt hatte, war: "Du warst also eine gute Mutter." Klar war ich es. Hör mal! Jesses, nee! Ich habe meine Säuglinge nachts schreien lassen, weil meine Tante sagte: "Das stärkt die Lungen." Jetzt ist es mir auf die Seele gefallen, Roswitha ist am 19. Dezember geboren, die hatte Dezember, Januar, Februar immer draußen gestanden. Das ist ja so schön, wenn die Kinder mal in der frischen Luft sind. Hör mal! Die hat nie geschrien. Die hat vor Schreck die Schnauze gar nicht aufkriegen können, weil es so kalt war. Wie muß die in ihrer Seele erfroren sein. Also Jesses! Ich habe in meiner ganzen Ehe meine Kinder nie gesehen. sondern ich habe sie immer nur so gesehen, wie die Gesellschaft wollte, dass sie zu sein hatten: Ach, waren die niedlich! Die hatten so schöne blonde Locken! Zeugnisse, tatü tata! Jesses, und dann kam der Satz: "Du warst also eine gute Mutter." Ich war überhaupt keine gute Mutter. Ich war ein neurotisches Kleinkind, das nichts kapiert hatte und fing langsam an aufzuwachen. Seit dem Erlebnis mit Giovanni war eine Tür aufgegangen, irgendeine Tür, ich weiß nicht, was für eine. Ich habe angefangen, mir die Augen zu reiben. Wenn mein Mann mir damals nicht den Vorschlag mit den Annoncen gemacht hätte, dann hätte ich vielleicht diesen Giovanni auf den Thron gestellt. Ein lieber Mann, echt. Ich bin die einzige Ehefrau, die ich kenne, die keinen Grund hatte, von ihrem Mann wegzugehen. Der hatte ja gesagt: "Geh, aber komm’ wieder, wir brauchen dich alle!" Dann hat er 1972 die Eva kennengelernt. Das war ein großer Glücksfall. Eva war geschieden und in einer ähnlichen Situation. Ihr Mann hatte eine andere Frau, und als ich 1973 im Fernsehen so auffällig wurde, da konnte mein Mann zu Eva hingehen. Als ich von zu Hause wegging, habe ich gesagt, die Eva kann doch ins Haus kommen. Sie lebt seit 1974 bei meiner Familie, also bei der Goetze Familie, nicht meiner. Seit 1975 bin ich geschieden.

ROSA: Wie hat die Eva auf dich reagiert?

HELGA: Die Eva ist unglaublich lieb. Ich habe so dunkel das Gefühl, dass die ein paar Jahre als geschiedene Frau auch versucht hat, eigene Sachen zu machen, und da kommt man ja in entsetzliche Sachen rein, nicht wahr? Verheiratete Männer. Zu mir kam der eine immer und sagte: "Helga Goetze, eine halbe Stunde, dann muß ich wieder gehen." Da habe ich ihm nach anderthalb Jahren gesagt: "Du, ich brauche eine Nacht." Er sagte: "Das kann ich meiner Frau doch nicht erklären!" Ich sag: "Na hör mal! Ich habe das jetzt ausprobiert. Ich muß mich auf irgendwas freuen können, ich muß wissen, jeden ersten Freitag im Monat kommst du. Dann habe ich irgendwas, worauf ich mich einstellen kann. Du kommst, dann essen wir schön, machen wir eine schöne Nacht, und morgens frühstücken wir, dann gehst du. Mehr als einmal im Monat muß es nicht sein, aber die Nacht brauche ich, und wenn du das deiner Frau nicht erklären kannst, mußt du darauf verzichten."Ich habe folgendes Gedicht geschrieben, nachdem ich das anderthalb Jahre mitgemacht hatte:

HEUT‘ RIEF MEIN KLÄUSCHEN WIEDER AN
Das ist ein schicker Mann
Der möchte so gern mit zweien mal
Weil er so dufte kann
Doch leider mangelt es an Zeit
Und Mutti darf nichts ahnen
So ruft er hin und wieder an
Will er in fremde Bahnen
So eine Stunde, hörst du das?
Und bring’ mir neue Bilder
Dann geil ich mich ein bißchen auf
Und werd’ ein bißchen Wilder
Und unser Kläuschen sagt zu mir
Mann soll die Faulen hauen
Die Haare ab und in den Knast
Das sind doch solche Sauen.
Als Kläuschen dann ein ander Mal
Da sag’ ich: Lieber Klaus
Man soll dich hauen,
sperren ein in ein Gefängnishaus
Nanu! Warum? Sagt unser Mann und
Ich sag’ ihm ganz bieder:
Gehört sich das für einen Mann zu hören meine Lieder?
Die Stories, die ich so erzähl und diese geilen Bilder
Das tut ein Mann doch wirklich nicht, ein Mann ist doch kein Wilder.
Der sitzt bei seiner Ehefrau und seinen beiden Buben
Und geht zur Arbeit und nach Haus und lebt in seinen Stuben
Ich will jetzt keine Männer mehr mit haarigen Gewissen
Dann stinkt die ganze Liebe mir, das Bumsen und das Küssen
Sag’ doch deinem Eheweib, ich kenn‘ da eine Nette
Mit der möchte ich so ab und an ganz gerne geh’n zu Bette
Und kann ich das mit gutem Sinn, da bin ich lieb und fröhlich
Und ganz vielleicht ergibt für dich ein Spiel sich manchmal ähnlich
Denn jeder Mann und jede Frau, die haben ihren Klang
Und variabler und vertieft wird jeder neue Sang
Wer Ordnung liebt und Sicherheit und fertige Gesetze
Auch das ist gut, bringt nicht viel Leid
Und auch kein Gehetze.
Doch wer ein bißchen Spielraum mag und manches fremde Leben
Muß wissen, dass die Liebe bleibt ein Nehmen und ein Geben. |

Das war die Erfahrung von anderthalb Jahren. Ich habe das nur schaffen können, weil ich mich nicht gegen meine Familie wehren mußte. Wenn ich noch Kraft hätte aufwenden müssen, denen da zu Hause etwas erklären zu müssen, da wäre ich ganz schnell resigniert. Aber ich hatte den Schutz des Hauses. Mein Mann hat sich vor mich gestellt, z.B. nach der Fernsehsendung, als ich mich ein halbes Jahr nicht auf die Straße getraut habe. Eine meiner Töchter hatte mit dem Schulorchester eine Aufführung, und da habe ich meinen Mann gefragt, das war im Juni 1974, ob er mitkommt. Mein Mann ist freundlicherweise mitgekommen. Dann hat sich ein Musiklehrer der Schule neben mich gesetzt, mit dem ich zweimal gefickt habe. Nun, da haben die Lehrer, Eltern und Schüler geglotzt... zum Schluß glotzte die Frau unseres Ortsamtsleiters so, dass ich folgendes Gedicht schrieb:

BEIM SCHULKONZERT

Frau Nachbarin, was schauen SieIch sitze brav und stilleUnd links ein Mann und rechts ein MannDas ist so frech mein Wille Nun stieren Sie und kombinierenWas mag die Frau so machen?Und links ein Mann und rechts ein MannSie tut mit beiden lachen.Frau Nachbarin, was denken SieIch tu mit beiden boxenIn‘s Auge rein, die Fresse blaugenau so wie mit OchsenDas darf man doch, ich weiß genauDas Boxen ist genehmUnd linksgehau’n und rechtsgehau’n,Findet dieses Land bequemDas Auge Blut, die Lippe BlutUnd Blut aus beiden OhrenDas wärmt so schön, sieht lustig ausWir sind oft ganz verfrorenDenn was Sie denken NachbarinDas dürfen wir nicht tunMit links einem Mann und rechts einem MannIn einem Bette ruhen?Das tut auch keiner, keine AngstWir sind so brav gerichtetUnd Zärtlichkeit und HautkontaktWird prügelnd nur berichtetIch liebe dich, so schreit ein MannUnd schlägt auf seinen SohnDas spürst du doch, du faules AasIch will dein Bestes schonIch liebe dich, schreit eine FrauUnd läßt die Stöcker sausenSie schreit das laut, brüllt fürchterlichUnd alle kriegen GrausenIch liebe so, ein Kindlein weintIch liebe liebe dolleDa kommt wie Gott die ObrigkeitDas ist die eigene OlleFrau Nachbarin, Frau NachbarinSie brauchen nicht zu glotzenIhr Blick erkältet mich ins Markund gleich beginnt das Kotzen.ROSA: Kannst du mal die Fernsehsendung beschreiben? Wie war die aufgebaut? Was hat da so schockiert?HELGA: Da wurden zwanzig Minuten aus einem vorher gedrehten Film, ein Interview mit meinem Mann, ein Interview mit zwei Töchtern und ein Interview mit mir gezeigt. Ich habe ungefähr die Geschichten erzählt, die ich eben auch erzählt habe, über meine Hochzeitsnacht und Giovanni. Mein Mann sagte: "Sie hat das Recht auf ihr eigenes Leben, und wenn sie jetzt andere Wege geht, dann bin ich nicht berechtigt, sie festzuhalten." Die Töchter meinten so ein bißchen verlegen: "Sie ist jetzt auch immer viel fröhlicher." Was sollten die da viel sagen? Und diese Sendung wurde hundert Leuten vorgeführt. Die sollten Fragen stellen. Das war sehr witzig. Da war Volker Pilgrim — ich hatte in der Nacht mit ihm Liebe gemacht — und saß also wie auf so einer Wolke, neben mir saß Frau Dr. Hedda Häuser als Gesprächsleiterin, Frau Dr. Just-Dahlmann, Staatsanwältin aus Mannheim und dann Wulfing von Rohr, der dieses Ganze arrangiert hatte und Clemens Kording, ein junger Nervenarzt, der mit dem Wulfing zusammen diesen Film gedreht hatte.ROSA: Hattest du in dem Film schon über Ficken gesprochen? Hattest du das Wort schon genannt? Oder ging das mehr darüber, dass eine Frau in deinem Alter... Anzeigen, die noch...HELGA: HAUSFRAU SUCHT KONTAKTE, so hieß der Film. Sie haben zu dritt fünf Tage bei uns in der Wohnung gedreht, wie meine Töchter die Badewanne schrubben, was die in der Wirklichkeit noch nie getan haben, und Geige üben. Dann haben sie mich beim Einkaufen aufgenommen, so eine Art Kaffeeklatsch. Dann sind sie aber mit mir zu einem Transvestiten gegangen, der sich zur Feier des Tages besoffen hatte. Da merkte ich zuerst einmal, dass der total geil auf diese jungen Kameramänner war, dass der ja eigentlich schwul war, was mir bis dahin entgangen war. (lacht) Dann haben die Filmer ein großes Schild auf die Hauptstraße in Hamburg gestellt, und da stand: Hausfrau, 48 Jahre alt, 30 Jahre verheiratet, hat Kontakte sexueller Art außerhalb der Ehe. Was sagen Sie dazu? Dann haben sie eine halbe Stunde Volkes Stimme eingesammelt und hatten 40% negativ und 60% positiv, also von: "Können Sie mir die Adresse von der geben?" bis "Das Schwein müßte verbrannt werden!" Im Januar 1972 habe ich das erste Mal mitgekriegt, wie ein Volk reagiert, wenn man so etwas öffentlich macht.

ROSA: Hast du auch erzählt, wie diese Kontakte vor sich gingen? Wie du die Männer getroffen hast?

HELGA: Ja. Ja. Dieses Wort "Ficken" z.B. Zu meinem Sprachgebrauch gehörte das auch nicht, nicht wahr? Da hatte ich 1970/71 eine Begegnung mit einem Mann, der war zwei Jahre älter als ich und Pfarrer gewesen. Er war verheiratet und hatte große Kinder. Der hatte zweimal eine sexuelle Beziehung außerhalb seiner Ehe. Einmal mit einer Gemeindehelferin und einmal mit einer Sozialarbeiterin. Beim zweiten Mal hat seine Frau ihn beim Vorgesetzten angezeigt. Sie hat gesagt: "Hören Sie mal! Ein Pastor? Der ist nicht ganz dicht, schon das zweite Mal, Sie müssen ihn mal auf seinen Geisteszustand hin untersuchen." Zu mir hat der Pfarrer gesagt, dass seine Vorgesetzten ihn begriffen hätten, aber das Fußvolk hätte ihn zu Fall gebracht. Ich sagte: "Du bist witzig, erst programmierst du dein Fußvolk, dann wunderst du dich, wenn die normal reagieren." Er hat also sein Amt mit fünfzig Jahren zur Verfügung gestellt, weil er gesagt hat: "Mein Jesus hat gesagt: Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein. Aber ich kann die Gesetze nicht mehr erfüllen." Er arbeitete als kommissarischer Lehrer in einer Schule für geistesgestörte Kinder und hat noch mit 52 Jahren sein Sportlehrerexamen gemacht. Er hatte mir auf meine Annonce in den St. Pauli Nachrichten geschrieben. Da antworteten übrigens 25 sehr tolle Leute, alles Akademiker, weil das nachher hieß, "Ja, wer schreibt denn auf so etwas?" Ich hatte eine Annonce: "Weibliches Wesen, geistig vielseitig interessiert, sucht Begegnung in Körper, Geist und Seele." Aber die kriegten natürlich Heidenängste, als die hörten, dass ich verheiratet bin, einen richtigen Ehemann und sieben Kinder habe. Zwei Rechtsanwälte, mit dem einen habe ich jahrelang nachher noch telefoniert. Der sagte, er hätte noch nie so ein intelligentes Gespräch geführt, aber was der für Angst hatte, dass ich heil aus der Wohnung wieder ‘rauskam, damit er keine Schwierigkeiten kriegte.

ROSA: Du bist zu denen in die Wohnung gegangen?

HELGA: Verschieden, da kamen auch welche nachher zu uns. Unser Haus war so groß und so eingerichtet, dass das ging, ohne Leute zu belästigen.

ROSA: Hast du mit allen gefickt, die du getroffen hast?

HELGA: Ja, ich denke immer, jeder muß eine Chance kriegen. Nicht, dass man wie König Drosselbarts Tochter von vornherein sagt: Bei dem paßt mir die Nase nicht, bei dem... also, bei mir hat eigentlich jeder die Chance gekriegt. Manchmal hatte ich ein zweites oder drittes Mal auch nicht so viel Lust und habe manche Sachen auch sehr lange hinziehen lassen, so wie mit dem Slowaken, wo das drei Jahre lang ging. Das war ja eigentlich eine sehr dürftige Sexualität. Die Leute sagen dann: "Da hast du doch nichts bei gehabt." "Doch!", sag ich, "ich habe immer sekundäre Orgasmen gehabt," wenn man einen Schwanz anfaßt... Das ist ein elektrisches Feld, das geht auch durch meine Möse. Es ist irgendwie nicht richtig, aber es ist besser als nichts. Ich habe sehr viel von dem Mann gelernt und für mich auch noch Genuß gekriegt, das war nicht ganz ohne Genuß.

ROSA: Hast du dich in der Zeit in verschiedene Männer verliebt?

HELGA: Giovanni, das war das, was man Liebe sagen kann. Und dann bin ich eben immer weitergegangen, ich bin da nicht hängengeblieben. Ich wurde mal gefragt, wieviel Kontakt ich gehabt hätte. Ich sagte, na, vielleicht zweihundert oder so, ich in meiner Doofheit. Dann haben die nachgerechnet: Die Frau Goetze hat in drei Jahren zweihundert gehabt. Das macht jede Woche einen neuen Liebhaber. Sie wechselt die Männer wie Pullover oder so. Da habe ich gesagt: "Jede Woche einen neuen Pullover anziehen, ist ja an sich nicht schlecht. Jede Woche ein neuer Liebhaber, das wäre Klasse! Montag fangen wir an. Montag, Donnerstag, Samstag, Sonntag! Und dann schon wieder ein neuer Liebhaber! Wo gibt es denn bei uns in der Gesellschaft Liebhaber? Ich habe kaum einen gefunden. Na ja, mit dem Pfarrer, da bin ich etwa zehnmal einmal in der Woche hingefahren. Und der hatte zu mir gesagt: "Heute machen wir aber einen schönen Fick." Gott, habe ich gedacht, was ist das für ein Sauloch! Aber der war dabei so herzlich und so intensiv. Das war einer, der viel mehr Kenntnisse hatte als ich, und plötzlich hat sich dieses Wort eigentlich mit seiner herzlichen Art verbunden. Der hatte den Habitus eines Pastoren und wenn ich das die ganze Woche um mich hätte — den Habitus eines Pastoren — möchtest du das die ganze Woche um dich haben? Aber einmal die Woche war das gar nicht schlecht! Verstehst du? Einmal die Woche, da haben wir auch gut miteinander gesprochen, und er hat mir immer Delikatessen aus den Läden besorgt. Und dann bin ich gerne hingefahren und bin auch gerne immer wieder weggefahren. Aber eine ganze Woche wäre der mir auf den Wecker gefallen. Jetzt ist es so, dass ich das Erste und Beste haben will, ich will nicht mehr das Zweitbeste haben. Da habe ich z.B. einen Studenten kennengelernt, mit dem habe ich nach anderthalb Jahren den ersten großen Vaginalorgasmus meines Lebens gehabt. Ich war derart aufgerissen, dass ich anderthalb Tage ahh, aha, ahh... gedacht habe, das können die Leute ja nicht aushalten, Menschenskinder mit so einem kaputten Körper. Plötzlich ließ die ganze Gespanntheit nach. Der hat zu mir gesagt: Du große schöne Frau, du! Da hatte ich das erste Mal das Gefühl, jetzt bin ich gemeint, nicht irgendwie eine Attrappe oder eine Idee, sondern das ist die Helga, die ist jetzt da und das ist die Frau. Ich weiß, was ein Vaginalorgasmus ist, leider hat man ihn viel zu selten, weil wirklich, da darf nichts Verlogenes mehr dabei sein. Wer schafft das schon?

ROSA: Wie lief die Diskussion bei der Fernsehsendung nach dem Film ab?

HELGA: Da meinte z.B. Frau Dr. Just-Dahlmann: Na ja, sie kenne auch solche Personen wie mich, die nenne man HWG. Da sagte ich, ja, HWG heißt häufig wechselnder Geschlechtsverkehr. Aber ich nehme kein Geld, und die Frauen, die Frau Dr. Just-Dahlmann kennt, die haben sich das finanzieren lassen. Ich brauche das nicht, weil mein Mann mich finanziert hat, sicher auch fehlerhaft aber... (lacht) Dann meldete sich z.B. eine junge Frau und sagte: "Es geht doch nicht, dass man sich noch extra ein Stück Kuchen leistet oder so." Da saß ein Fürsorger aus Hamburg im Publikum. Ich hatte das große Glück, dass Volker, Wulfing und Clemens für mich waren. Im Publikum saß Jan Wahls, der auch für mich war. Dann war da noch die Freundin von diesem Transvestiten, von dem ich erzählt habe, die sagte auch etwas sehr Wichtiges. Als ich sagte: "Ich rede nur für Randgruppen, über die Glücklichen brauchen wir nicht zu reden," da meldete sie sich: "Jede Frau über 40 ist in dieser Gesellschaft Randgruppe." Dann sagte ich: "Wenn einer ins Krankenhaus kommt, ist keiner gefeit, dass er nicht auch Randgruppe wird. Das geht so schnell. Eigentlich spreche Ich für alle. Wer sich noch nicht getroffen fühlt, hat selber schuld. Aber viele fühlten sich getroffen. Also, es war derart überwältigend, dass die Beleuchter nach der Fernsehsendung auf mich zugekommen sind und mich umarmt haben. So etwas hätten sie überhaupt noch nicht erlebt.

ROSA: Das war 1973?

HELGA: Danach gab es ja diesen großen Eklat. Werner Höfer forderte Lisa Krämers fristlose Entlassung. Es mußte eine Dokumentation hergestellt werden, wie es dazu kommen konnte, diese Frau im Fernsehen auftreten zu lassen. Werner Höfer meinte, er wolle den Namen Helga Goetze nicht wieder hören: ihr Jargon verrate sie! Was heißt das, bitte schön? "Schichtenspezifische Sprache!" Eine Dame kennt gewisse Wörter nicht, und wenn sie die kennt, sagt sie die nicht. Wenn sie die sagt, ist sie keine Dame mehr. Ich bin eine Dame plus Jargon, ich bin ja mehr geworden, ich bin ja nicht weniger geworden. Auch Prof. Dr. Robert Jungk sagte vor zwei Jahren: "Was die Frau Goetze sagt, ist ja teilweise richtig, aber wie sie es sagt..." Und meine komischen Freunde, die überall sitzen, beim Fernsehen und sonstwo, die sagen: "Helga, du bist ja sehr tüchtig, aber deine Form, Helga, deine Form! Die Frauen der Sommeruniversität 1980 haben am letzten Tag die Polizei holen lassen, um mich wegzuschaffen wegen Hausfriedensbruch. Und dann sagte eine: "Man will sich doch mit der nicht in einen Topf werfen lassen."

ROSA: Warst du bei deiner Fernsehsendung sehr nervös?

HELGA: Nee!

ROSA: Hast du gleich den Mut gehabt, in der Öffentlichkeit alles auszusprechen?

HELGA: Ich war derart naiv, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie naiv ich war. Du mußt mal bedenken, ich habe das schon erzählt, dass ich in der Schule jeden Aufsatz eine Eins schrieb, ich habe mich immer getraut, dumme Dinge zu fragen und bin da immer gut durchgekommen. Ich habe mein ganzes Leben lang mit meiner nicht sehr qualifizierten Art Zuwendung gekriegt, und das hat mir eben bis jetzt geholfen.Bei der Fernsehsendung war es so gewesen, dass ich die Nacht vorher mit Volker Pilgrim zusammen war. Wulfing von Rohr teilte mir mit, dass der WDR diesen Film aufgekauft hätte, dass da zwei Sendungen entstehen sollten und dass ich vier Stunden Fragen beantworten müßte. Da habe ich gedacht, die armen Leute, die wissen gar nicht, wer du bist. Das ist doch eine Schande. Du könntest denen noch zwei Gedichte schicken, ein harmloses und ein aggressives. Und ich in meiner Doofheit schickte Frau Dr. Just-Dahlmann und Frau Dr. Hedda Häuser, Frau Dr. Lisa Krimer und Volker Pligrim, den ich damals noch nicht kannte, zwei Gedichte. Das eine, harmlose, heißt:

FICKEN IM MAI.

Du siehst, ich habe das Wort schon damals benutzt. Paß auf, es ist ganz süß.

GUTEN MORGEN LIEBES SCHWÄNZCHENWickel wackel nackedeiMachen wir doch gleich ein TänzchenHin und her und rauf und reinKleines Schwänzchen, bist du müde?Komm, ich geb' dir einen KußUnser Tänzchen ist doch FreudeIst kein leistungshartes MußKleines Schwänzchen, sieh' mein KätzchenSchnurrt und ruft so sehr nach dirMeine Höhle friert alleineGib ihn her, von dir zu mirKleines Schwänzchen, ist das möglichDu bist ja ein großer SchwanzVoller Freude, voller Feuer,tanzt er seinen LiebestanzLangsam, langsam wilder GroßerMeine Rose geht entzweiMeine vollen Lippenblätter lieben zarte TänzereiWas! Du willst mich wie ein Cello geigenVoller Kraft und SchwungAhh du Schwanz, mein WundervollerIch bin wieder maienjung.Das war das Harmlosere. (lacht) Paß auf, nun kommt das andere. Es heißt:SPERMA, PISS UND MENSCHENKOTIch schlage meine Mutter totMeine Mutter, diese Sau, ist das Innbild jeder FrauTot die Sau, die SchweinefrauSchön gelackt und angetanRouge die Wange, blitz der ZahnBauch und Arsch und Busen wären gut zum SchmusenDiese Sau, die LausefrauSie ist Wärter, ich gefangenWie im Käfig voller BangenTag und Nacht in ihrem SchreiIhr ist alles einerleiOhne Ohren, diese SauNennt man sowas wirklich Frau?Und das bin ich. |

Nun, ich habe diese Gedichte losgeschickt. Der Wulfing ruft mich an, schreit: "Helga, bist du nicht mehr zu retten? Die haben bei mir angerufen und gesagt: Das ist ja Pornographie! Das ist ja unerhört! So eine Frau! Da sagte er: "Nichts Schriftliches mehr, Helga, die brauchen gar nicht zu wissen, dass du Gedichte machst. Die sollen erst einmal so..." (lacht) Ich habe bei der Fernsehsendung ohne Zettel und Bleistift da gesessen und neben mir, die schrieben alle eifrig. Gott, dacht ich, wie wird das werden? Dann wurde es so schön. Wenn ich ins Schleudern kam, war entweder Volker da oder Wulfing, da hinten saß Jan. Also, ich saß wie auf einer Wolke, mir konnte überhaupt nichts schief gehen. Vier Stunden habe ich Fragen beantwortet und bin nicht einmal ins Schlittern gekommen.ROSA: Das wurde aber alles nicht gesendet?HELGA: Doch! Das waren zwei Sendungen. Eine bei der ARD, die allerdings nur eine Stunde dauerte. Das war eigentlich schade. Die zweite Sendung im Kölner Raum lief zweieinhalb Stunden. Die Hamburger wollten auch diese zweite Sendung kriegen, das war irgendwie plötzlich ganz komisch. Da hat die Nordschau eine halbe Stunde gemacht. Sie haben Leute auf der Straße interviewt, was die zu der Sendung von Helga Goetze sagen, und sie haben Prof. Schorsch gefragt. Der hat sich sehr wissenschaftlich geäußert: "An Frau Goetze wird die emotionale Ausgehungertheit von Hausfrauen gut demonstriert." Dann durfte nicht mehr gesendet werden. Ich habe unglaublich enthusiastische Sachen erlebt. Zum Beispiel in der Nacht, nach der Fernsehsendung, hat mich Jürgen Becker vom Suhrkamp Verlag angerufen: Sie hätten den Dr. Unseld geweckt, und der hätte ihm freie Verfügung gegeben, er dürfte mit mir sofort einen Vertrag abschließen und wäre überwältigt von der Fülle meiner Möglichkeiten. Er meinte auch, dass das wissenschaftlich fundiert sei und emotionale Lebendigkeit hätte. Kiepenheuer und Witsch Verlag hat mir geschrieben, sie wollten auch etwas mit mir machen. Nach 10-14 Tagen haben Wulfing von Rohr und Volker Pilgrim sich für mich einsetzen wollen, doch da war alles dicht! Alles dicht! Alles dicht! Clemens de Boor hat ein Institut für Konfliktforschung in Köln, der hat mir zwei überwältigende Briefe geschrieben. Er wollte mit mir sofort noch in diesem Jahr in Maria Laach zusammenarbeiten. Du, und eine Woche später, da war alles dicht.

ROSA: Wie erklärst du dir das?

HELGA: Ich bin ans Tabu gekommen. Das hat mir im Mai 1974 der wissenschaftliche Sekretär der Freien Akademie, der Medizinaldirektor Dr. Lothar Stengel von Rotkowski geschrieben: "Du mußt Geduld haben, du bist die primäre Tabubrecherin. Ich habe das nicht verstanden. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie naiv ich war. Ich hatte von nichts eine Ahnung. Homosexualität z.B. — mit meinem Freund Wolfgang habe ich ein halbes Jahr zusammengelebt, der ist schwul. Durch mich werden viele Männer bi. Jetzt spiele ich mich auf, aber sie trauen sich wirklich dann auch mal, mit einer Frau zu ficken, weil die wenigstens vernünftig redet. Wenn ich sage, dass durch mich Männer bi geworden sind, hört sich das ein bißchen billig an, aber ich will nicht, dass das billig ist. Der Wolfgang hat zu mir gesagt: "Du hast doch gewußt, dass ich schwul bin?" "Nee," sag ich, "ich habe gewußt, dass du drei Jahre mit Helmut zusammengelebt hast, aber ich möchte auch gern mal mit Helmut zusammenleben. Helmut mag ich, das hat für mich nichts mit Schwulsein zu tun, sondern das ist eine Beziehung von Mensch zu Mensch, ob das ein männlicher Mensch ist oder ein weiblicher Mensch. Ich habe keine Lust, mich in so einen Kasten reinzusortieren"

ROSA: Was machst du für einen Unterschied zwischen Liebe und Sexualität?

HELGA: Für mich ist es ja keiner. Die Leute wollen mich angreifen und sagen: Du willst bloß körperlich. Aber, was heißt — bloß körperlich? Ich bin mein Körper. Wenn ich sage, ich brauche einen Mann bloß zum Ficken, dann gucken die Männer mich an, als ob ich wahnsinnig sei. Ich habe gelernt. Ich bin eine emanzipierte Frau. Ich besorge meine Kohlen allein, ich bezahle meine Miete, ich bezahle meine Krankenkasse. Für solche Sachen hatte ich früher immer meinen Sklaven, und den brauche ich nicht mehr, verstehst du? Ich würde unglaublich gern einen Gefährten haben, der meine Arbeits- und Lernprozesse mitverfolgt — leider kann ich mir nicht mehr vorstellen, dass das einer möchte — aber ficken kann ich wirklich nicht allein.

ROSA: Versuch das mal zu erklären, mit Liebe und Sexualität und so, du hast dich praktisch in der ganzen Zeit nie verliebt...

HELGA: Weißt du, es ist so: Ich bin ein Fisch, ich weiß nicht, ob du etwas von Fischen verstehst. Fische hängen mit ihren Gefühlen immer drin, bei mir ist keine Beziehung zu Ende. Z.B. habe ich mit diesem Wolfgang 1974 ein halbes Jahr zusammengelebt. Der war schwul. Das erste Vierteljahr haben wir immer vor dem Einschlafen fünf Minuten unglaublich intensiv gefickt, aber dann hat er sich umgedreht und ist sofort eingeschlafen. Das war der erste Mann, mit dem ich zusammen schlafen konnte, ahh! Mit Wollgang abends ins Bett zu gehen, das war der Himmel! Wirklich, an seinem Rücken einschlafen... Dann fing er an, jede Nacht wegzulaufen, jede Nacht um halb elf, das war wie im Märchen! Wenn das Glöcklein halb elf klang, dann klappte schon die Tür. Gegen Morgen kam er total abgejackelt nach Hause, legte sich ein bis zwei Stunden schlafen, stand pünktlich auf, ging zur Arbeit, kam um 17 Uhr nach Hause, legte sich hin, und dann, um halb elf, bam, bam, bam, rannte er wieder los.

ROSA: Wie alt war der?

HELGA: Der war so Anfang dreißig. Er hat mich angeschrien: "Du verstehst mich gar nicht richtig. Ich will das ja gar nicht, jede Nacht einen anderen aufreißen." Wolfgang, das war nämlich das Schöne, das war kein Intellektueller. Da habe ich das, was Schwulität ist, ehrlich mitgekriegt. Was die Intellektuellen da für wissenschaftlichen Quatsch drum herum erzählen! Aber bei Wolfgang, da habe ich das mitgekriegt, dass so ein Vater gesagt hat, als er seine beiden Söhne beim Wichsen erwischte: "Solche schwulen Säue, die wären bei Hitler vergast worden." Mit siebzehn haben sie ihn von zu Hause ‘rausgeschmissen. Dann ist er mit einem Freund in einem Hotel gewesen, und der Freund hat sich das Leben genommen. Da haben sie zu ihm gesagt: Er hätte sehen müssen, dass sich dieser ältere Mann, der mit einem Auto sich so einen jungen Mann mitnimmt, das Leben nehmen wollte. Das wäre unterlassene Hilfeleistung gewesen. Da hat er zehn Monate Knast gekriegt, ein 18jähriger, und, weil er schwul war, Einzelhaft. Als er entlassen wurde, wollten die Eltern nichts mehr von ihm wissen. Dann habe ich mitgekriegt, wie kameradschaftlich Männer sind. Wolfgang mußte von Dortmund nach Hamburg ziehen und bekam unglaublich viel Hilfe von Männern. Die waren untereinander sehr kameradschaftlich. Ich habe mich wirklich bei diesen Schwulen unglaublich wohl gefühlt, ganz viel Wärme, Nähe und Freundlichkeit erfahren Frauen sind viel isolierter.

ROSA: Noch mal zurück zu Liebe und Sexualität. Du machst keine Unterschiede?

HELGA: Gefühle müssen wachsen, das ist so, wie ein Garten. Ich habe mich oft verliebt, einmal z.B. in Michael. Das war ein 22jähriger, der nannte sich Wiener Student. Er ist mit 12 Jahren ins Kinderheim gekommen, weil sein Vater Säufer war, und wenn ein Kind in ein Kinderheim kommt, weil der Vater Säufer ist, dann müssen entsetzliche Sachen vorgegangen sein. Der hat mir erzählt: Weihnachten wurde altes Zeug über den Zaun geschmissen, das war Weihnachten bei Säufern. Einmal ist er zu seiner Mutter ins Bett gekrochen, als der Vater in der Kneipe saß, und da hat die Mutter ihn aus dem Bett geschubst. Das war sein Schlüsselerlebnis. Er wollte seine Mutter trösten, wollte ihr helfen, aber sie hat das gar nicht begriffen und ihn aus dem Bett geschmissen. Mit dem habe ich also, als er zu uns in die Wohnung kam, dreimal gefickt und das war unheimlich intensiv. Am vierten Tag sagte er: "Was willst du hier? Geh nach unten!" Der war ein halbes Jahr bei uns. Er machte alle Frauen an, und alle Frauen waren geil auf ihn. Nach drei Tagen sagten die zu mir: "Ich weiß gar nicht, der Michael ist immer so gemein zu mir." Eines Tages kam Michael mal zu mir und sagte: "Helga, du bist immer so weit weg! Ich habe gar keine Nähe mehr zu dir." Ich sagte: "Paß mal auf. Das ist wie ein Garten. Da gibt es vier Beete. Ich will das mit dem Garten erklären, weil das schön anschaulich ist. Wenn ein Beet nicht gepflegt wird, wenn man also nur drei Beete bearbeitet und sich ums Vierte nicht kümmert, weil man keine Zeit und keine Kraft mehr hat, dann wachsen da die Brombeeren, das Unkraut und die Brennesseln. Nach einem halben Jahr möchtest du wieder in den Garten gehen und wunderst dich, dass du keinen Zugang mehr hast zu diesem Stück Garten. So ist das mit der Liebe auch. Das muß gepflegt werden.ROSA: Versuch doch mal, Unterschiede zu beschreiben. Es gibt doch Unterschiede im Sexuellen. Ein Körper ist unterschiedlich, ein Gesicht ist unterschiedlich... Wie bewertest du...?HELGA: Das Bewerten habe ich mir abgewöhnt. In der Gruppe mit freier Sexualität, in Hamburg, wo ich gelebt habe, da war Christoph. Er war klein, zierlich und leicht verpickelt. Das war ein Mann, der mit dreiundzwanzig für sich entschieden hatte, dass ihn in dieser Gesellschaft kein Mädchen ansieht. So ist er vier Jahre lang in den Puff gegangen. Das war einer der wenigen sexuellen Partner, der real mit mir umgehen konnte. Wir haben morgens aus dem Schlaf heraus gefickt. Er kam abends immer sehr angespannt nach Hause, und wir haben eine Stunde zusammen gelegen und meistens zum Abschluß noch mal gefickt. Dann hatten wir bis Mitternacht in der Gruppe sehr viele Aktivitäten und sind dann noch um den Block gegangen. Zum Einschlafen haben wir noch mal gefickt. Sonnabend/Sonntag machten wir Rollenspiele. Mit dem hatte ich die Sexualität, die ich mir wünsche. Obgleich Christoph überhaupt nicht der Mann ist, wo man verliebt drauf sein kann. Wenn die Tür ging, hatte ich kein großes Gefühl für ihn. Wenn er im Zimmer war, hatte ich kein großes Gefühl für ihn. Aber wenn wir die Hände aufeinander legten, da passierte einfach etwas. Der hatte eine unglaublich schöne schwingende Art und konzentrierte sich immer auf das Gefühl in seinem Schwanz. Ich konnte merken, dass er total bei sich war, der hat keine Wichsbilder dazwischengelassen. Mit dem hatte ich einfach eine gute Sexualität. Nach zehn Monaten ist Verena dazwischengekommen, eine 17jährige. Da packte Christoph die große Liebe. Er fuhr total auf Verena ab. Verena war in einer geschiedenen Ehe groß geworden, die haßte ihren Vater, haßte ihre Mutter, ihre Großmutter und ihren kleinen Bruder. Wenn du 17 bist, versteckst du deinen Haß noch nicht. Christoph, der wußte in der Beziehung immer nicht, ist sie jetzt gerade ihre Großmutter, ist sie jetzt ihr Vater, ist sie ihre Mutter oder der kleine Bruder. Christoph, das Arschloch, spielte dann immer noch Pappi, und da war Verena natürlich total sauer. Wie kommt sie dazu, mit so einem Scheißpappi, der ihr immer gute Ratschläge gibt und so, etwas zu machen. Die hatten anderthalb Jahre eine Beziehung auf Leben und Tod. Christoph sagte: "Das war furchtbar! Die war geil, und ich konnte sie nicht ficken. Die hat mich nicht an sich rangelassen."Dann ist Verena weggegangen. Christoph war im vorigen Jahr vier Tage bei mir und auch in diesem Jahr Ostern. Im vorigen Jahr war das sehr dürftig. Da war er sehr verletzt und Mamas lieber Junge, der es mir recht machen wollte, aber das war kein tolles Gefühl füreinander. In dem Jahr, in dem wir uns nicht sahen, hat er Gesangstunden genommen und ein 2jähriges Kind betreut. Er hat Musik gemacht, an einem Theaterworkshop teilgenommen und war diesmal unglaublich vertieft bei mir. Wir hatten vier unglaublich schöne Tage. Vor zwei Tagen rief er mich an und sagte: "Helga, ich hatte gar nicht mitgekriegt, dass du mir damals Liebesbriefe geschrieben hast. Die lese ich jetzt." Stell dir das vor! Nach drei Jahren sind ihm meine Liebesbriefe als Liebesbriefe aufgegangen. So lange dauerte das, versteh’ mal! Christoph will jetzt zu Janov nach Amerika fahren. Er hat sich 20.000 Mark zusammengespart und möchte eine große Therapie machen. Ich persönlich möchte gerne Gruppen einrichten mit Leuten, die an der Sexualität arbeiten wollen. Da soll Christoph auch dabei sein. Neuerdings hat auch Verena wieder an Christoph geschrieben. Sie ist schon in Amerika und macht eine große Urschreitherapie mit. Das ist mein System. Ich habe ein gewährendes System, das Gefühl hat für Wachsen. Jeder muß das Recht haben, seine eigenen Wege zu gehen, seine eigenen Erfahrungen zu machen. Ich will mit Leuten, die wissen, dass eine Zweierbeziehung nicht mehr geht, etwas zusammen machen. Ein Neurotiker will immer den anderen in sein System reinbringen. Das ist furchtbar, es geht um Leben und Tod, weil ein Baby das andere Baby zur Mama oder zum Papa machen will, und das sind total verlogenen Beziehungen.