Interview Fortsetzung 3

ROSA: Können wir kurz noch mal weitergehen. Also 1973 war die Fernsehsendung. Was passierte danach? Dein Mann hatte dann Schwierigkeiten?

HELGA: Ja. Wobei das so war, dass mein Mann sich eigentlich verbesserte. Er hatte einen Privatvertrag mit der Bank und konnte durchaus seine Kenntnisse besser anbringen. Er hatte dreimal die Woche eine Beratertätigkeit bei einem reichen Mann und war dadurch plötzlich nur noch drei Tage tätig. Er hatte nicht mehr den Personalärger, den man als Prokurist bei der Deutschen Bank hat, und der war für ihn immer eine große Belastung. Es hat sich dann eigentlich für meinen Mann positiv geordnet. Ich bin 1974 von zu Hause fortgegangen, und in der Zeit war Volker Pilgrim für mich sehr wichtig. Der hat immer gesagt: "Die Emanzipation beginnt über die eigene Ökonomie, und wenn du wischen gehst." Nun schien es ja zuerst so, dass ich mit meinen Gedichten etwas machen könnte. Bei meinen Gedichten weiß ich, dass ich ein Genie bin, weil ich schwierige Tatbestände einfach sagen kann. Das ist eine große Kunst. Aber ich habe dann schon mitgekriegt, dass sie keiner wollte.

ROSA: Du hattest ein Buch gemacht, und das erste Buch hatte der Filmregisseur im eigenen Verlag ‘rausgegeben.

HELGA: Ja, die haben mir alle Gedichte aus der Hand gerissen. Die Fernsehsendung war im August 1973, und sie wollten im Oktober zur Buchmesse in Frankfurt ein Buch vorlegen, weil sie wahrscheinlich mit Recht annahmen, dass das alles werbemäßig sehr günstig sei. Aber es passierte dann genau dasselbe, was ich überall erlebte: Kein Buchhändler hat sich das Buch auf Lager genommen. Das Buch heißt: HAUSFRAU DER NATION ODER DEUTSCHLANDS SUPERSAU? Manche sagen z.B., wenn der Titel "Zeugnisse eines Aufbruchs" wäre — das steht auf der Innenseite: "Helga Goetze, Zeugnisse eines Aufbruchs" — dann hätten die Leute sich damit identifizieren können, das wäre besser gewesen. Ich habe das Buch erst fertig in die Hand gekriegt, ich hatte keinen Einfluß darauf. Volker und Wulfing sagten: "Das ist ein Gag! Werbemäßig wissen wir Bescheid, und das Buch wird ein großer Erfolg." Volker hat sich zwei Jahre total gewundert, der ist nämlich von 1973 bis 1975 ganz viel in Frauengruppen gewesen und hat immer gesagt: "Holt doch die Helga Goetze! Wieso muß ich immer mit euch reden? Da gibt es doch eine tolle Frau!" Vor mir halten die Frauen totale Ängste. Da hat Volker obendrein in München erzählt, dass er mit mir gefickt hätte und die Frauen waren entsetzt, weil jede Frau weiß, in welcher Preislage man zu ficken hat: Jedenfalls nicht mit einer solchen alten Tante, die da peinlich redet.

ROSA: Was bedeutet für dich Alter?

HELGA: Ganz mit mir in Einklang gekommen bin ich 1977. Ich habe im Holocaust-Film als Statist mitgespielt. Ich war zu der Zeit in Osterreich, in dieser Kommune von Otto Muehl, da war ich schon seit 1975 öfter gewesen. 1977 war ich viereinhalb Wochen da. Da hieß es, die Amerikaner drehen in Wien einen Film, sie brauchen zwanzig junge Frauen als Statisten, ob ich mitkäme? Da waren noch zehn Frauen aus dem Obdachlosenasyl, und als wir uns nackt ausziehen mußten da genierten sich diese Frauen. Ich sagte: "Hier ist keine Mama, und ihr kriegt doch Geld für das Ausziehen. Da habe ich an mir selber gemerkt, dass ich plötzlich diese schiefen und krummen Frauen angucken mußte. Eine hatte den Arsch so hängen, die andere hatte den Busen so hängen, und plötzlich war mein Auge interessiert. Das war alles gelebtes Leben. Das war keineswegs vor Alter häßlich. Da habe ich mir das so klar gemacht. Wenn du eine Reihe junger Birken siehst, dann achtest du auch nicht auf den einen Stamm, denn der hat ja noch keine Gestalt. Aber wenn du einen einzelnen Baum siehst, einen alten einzelnen Baum — hier ist ein Ast abgebrochen und der ist knorrig und windschief oder so — dann wirst du aufmerksam und findest den schön. So habe ich mich mit mir versöhnt. Das ist meine Gestalt. Ich habe z.B. einen Nabelbruch. Dazu hat Volker gesagt: "Das ist dein Knubbel. Das kann man auch im Dunklen erkennen."Ich zeige auch meine Brüste auf der Straße. Einmal sagte eine Frau: "Das Nähren verdirbt die Figur!" "Na", sage ich, "ich weiß nicht. Ich habe sieben Kinder immer ein Jahr genährt. Meine Brüste sind ein bißchen weich, wie Pudding, aber manche mögen Pudding. Die Geschmäcker sind — Gott sei Dank — verschieden. Ich nehme ja auch kein Längenmaß mit und messe die Schwänze ab, sondern die Gefühle, die ich dadurch kriege, das ist das, was ich will

ROSA: Du kriegst nach deinem Auszug immer noch Geld von deinem Mann?

HELGA: Ich wollte meine eigene Ökonomie machen. Ich bewarb mich beim Arbeitsamt. Da war eine sehr nette Bearbeiterin, und die sagte: "Für sie haben wir etwas Passendes. Bei der Caritas, bei den knastentlassenen Männern, da wird eine Wirtschafterin gesucht. Da stellen Sie sich mal vor!" Ich bin hingegangen, eine 52jährige seriöse Frau, mit meinem Zertifikat, das habe ich von meinem 44. bis 46. Lebensjahr gemacht. Ich bin staatlich geprüfte Hauswirtschafterin. Ich war eben immer in Aktion. Und dann habe ich bei der Caritas als Wirtschafterin angefangen. Am 9. Tag kam Herr Adler, das war sein Name. Herr Adler kam an und dann so eine kleine Mama Papagei im Hintergrund als Zeugin: "Frau Goetze, kommen Sie bitte in die Küche!" Die Tür ging zu: "Sie sind fristlos entlassen." Ich: "Wieso denn das?" "Sie wissen doch, wer Sie sind." Ich sagte: "Habe ich nicht gut gearbeitet?" "Doch! Wir haben Sie eine Woche lang beobachtet und da ist gar nichts vorgefallen." Ich sage: "Was soll denn da vorfallen? Ist das pervers, wenn nichts vorfällt? Denkt ihr, ich spring die alle einzeln an?" Da hatte mir einer gesagt: Seine Olle ist fremdgegangen, als er im Knast war. Ich sagte: "Was heißt ‚fremdgegangen‘? Die hat einen getröstet. Du freust dich auch, wenn dich eine tröstet." Das konnten die verstehen, aber die sollten ja nichts mehr verstehen! Jedenfalls war ich total fertig. Heute würde ich damit besser umgehen können, aber 1974, gerade flügge von zu Hause, weißt du, ich war so stolz, dass ich’s bis dahin geschafft hatte und nun sagen die also: "Raus!" Ich lief zum Arbeitsamt. Eine Mitarbeiterin dort sagte: "Wir wissen jetzt mehr über Sie, wir können auch nichts mehr für Sie tun." Ich kriegte Panik und lief zur Gewerkschaft. "Sind sie Mitglied?" "Nein." Da bin ich nach Hause gegangen und lag drei Tage im Bett. Ich habe in meinem Leben ganz wenig Depressionen gehabt, aber damals habe ich gedacht: Jetzt ist es aus! Das schaffst du einfach nicht, das schafft man nicht. Da hat mich einer angerufen und sagte: "Hör mal, wegen so etwas darf man nicht fristlos entlassen werden. Es gibt eine öffentliche Rechtsauskunft, die kostet sechs Mark, und da gehst du hin." Ich habe mich wieder aufgerafft. Da war eine nette Juristin. Dann habe ich einen Arbeitsgerichtsprozeß geführt, in dem ging es nur um mein Geld. Im Stern und Spiegel stand auch etwas darüber und da hieß es nachher: Haben wir damals gelacht! Ich verstand überhaupt nichts mehr. Um meine Person habe ich nicht mehr gekämpft, weil ich gegen Praline zwei Prozesse verloren hatte. Praline hatte gesagt: Ich wäre geisteskrank, psychisch gestört, exhibitionistisch, nymphomanisch und an Promiskuität erkrankt. Promiskuität ist HWG, häufig wechselnder Geschlechtsverkehr. Ich muß das immer erklären: Das ist bei den Männern eine hohe Ehre, und bei den Frauen ist das einfach eine Schweinerei, ein krankhafter Zustand! Ich habe den ersten Prozeß verloren, und meine Freunde sagten: "So geht das ja nicht." Sie haben Henry Miller und die ganze Weltgeschichte der Literatur ‘rangeholt. Da haben die Richter bloß gelacht und gesagt: "Eine Hausfrau mit sieben Kindern! Die soll sich nach Haus scheren, wo sie hingehört — von wegen Dichterin — mit diesen paar Knüttelversen..."ROSA: Wie war der Prozeß, gegen was hast du protestiert?HELGA: Praline hatte einen Bericht über die Fernsehsendung gemacht und hatte einen Psychologen als Berater, der immer so seine Bemerkungen machte: Diese Frau ist psychisch krank...

ROSA: Du wolltest das verändern, was hat dich daran gestört?

HELGA: Ich will ja an mir aufzeigen, wie kaputt alles ist. Sexualität muß gelernt werden! Jetzt bin ich so radikal, ich sage: "Ficken ist Ökologie. Alle Schulen müssen geschlossen werden. Alle Kinder müssen ein Jahr lang schmusen und ficken und an den Aggressionen arbeiten, die sind derart aggressiv, das kann man sich überhaupt nicht vorstellen, wenn man mit denen keinen Kontakt hat!" Mir haben elfjährige Mädchen erzählt, sie hätten sich schon eingeteilt in gute Jungs, schlechte Jungs, gute Mädchen, schlechte Mädchen. Was bedeutet das? Alle Mädchen sind geil auf die guten Jungs! Ich sage: "Was machen die schlechten Jungs?" Das interessiert keinen, der Mensch ist zur Ware gemacht worden. Du mußt ein Buch lesen: Norbert Elias. Über den Prozeß der Zivilisation. Da steht drin, die Verbote können aufgehoben werden, wenn sowieso nichts mehr passiert. Ich behaupte, dass Sexualität nicht mehr passiert. Dann sagen die Leute: "Wir kennen aber die Statistiken, Frau Goetze! Die jungen Mädchen fangen heute alle viel früher an." Aber bestimmt wird es bald neue Statistiken geben: Die hören heute auch alle viel früher auf. Wenn sie zwei-, dreimal die Sexualität mies erlebt haben, wollen sie nicht mehr. Eine Mutter sagte zu ihrer Tochter: "Ich besorge dir die Antibabypille, aber bitte nicht in meiner Wohnung!" Wo soll die hingehen? Es ist November. Ich habe eine Ärztin gefragt, ob sie nicht auch fände, dass man Räume einrichten müßte, wo Heranwachsende hingehen können? Da sagte sie: "Das hätte gerade noch gefehlt! Die Kinder sind zum Lernen Eaÿ zum Anziehen und Futtern und das leider Gottes 20 Jahre — das kann ganz schön verbittern — und nun meinen Sie, auch noch sexuell hätten Kinder etwas zu wissen. Na hören Sie mal! Die kacken doch von alleine und gehen pissen..." Das geht noch weiter, aber ich kann es nicht auswendig, ich müßte nachgucken. Zum Schluß heißt es: Dann flössen die ganzen Gewinne weg und würden Profite wegspülen. Das hätte grad‘ noch gefehlt. Die Leute sollen arbeiten und konsumieren. Gefühle sollen sie nicht haben. Ich will eine neue Gesellschaft. Ich kann in dieser Gesellschaft meine Bedürfnisse nicht praktizieren.

ROSA: Wie kam es, dass du das zur Botschaft gemacht hast?

HELGA: Bis 1972 habe ich gedacht, das ist mein privates Leiden. Da habe ich auf dummerhaftige Weise Annoncen aufgegeben und Leute getroffen. Das war irgendwie schön, aber meine private Sache. Wenn man anfängt, sexuell offener zu sein, da kriegt man einen Blick für soziale Mißstände. Da las ich in der Zeitung, dass Drogensüchtige von Ärzten, Pastoren, Sozialarbeitern usw. betreut werden. Da habe ich gedacht, dass dieser "Release-Verein" sicher auch mal ein Gespräch mit einer Frau brauchen könnte. Da habe ich harmlos nachgefragt. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie naiv ich an alles ‘rangegangen bin, was meine Stärke ist. Hinterher wollte ich alles wissen und habe mir Bücher geholt. Aber erst einmal bin ich so ganz harmlos ‘rangegangen. Ich telefonierte mit einem jungen Mann und fragte, ob die Drogensüchtigen nicht Probleme mit ihrer Sexualität hätten? Da ist am nächsten Tag ein junger Mann zu mir gekommen, der seit dem siebten Lebensjahr im katholischen Kinderheim gewesen ist, weil seine Eltern tot waren.Die Kinder mußten sich jeden Abend im Kreis aufstellen und mit geschlossenen Augen über läßliche und unerläßliche Sünden meditieren. Wenn sie wichsten und es zum Samenerguß kommen ließen, war das eine Todsünde, die sie vor Gott verantworten mußten. Wenn es nicht zum Samenerguß kam, dann war das eine läßliche Sünde. Das fiel mir alles auf die Seele. Malte sagte: "Helga, das Kinderheim war immer wie ein Gefängnis. Da war ja niemand, keine Mutter mehr, kein Vater. Wir waren denen total ausgeliefert. Da dachte ich, das kann doch nicht angehen. So hilflos darf man Kinder doch nicht diesen furchtbaren Leuten überlassen. Dann bin ich immer mehr dahinter gekommen. Mein Mann meinte: "Du hast sowieso bloß lauter Schmarotzer im Haus." Da habe ich noch gedacht: Seine Kinder sind keine Schmarotzer, aber die Fremden, um die sich keiner kümmert, das sind Schmarotzer. Dabei habe ich durch die viel Zuwendung gekriegt. Die haben oft ein gutes Feeling, die in Kinderheimen mit fremden Leuten sehen mußten, wie sie zurechtkamen. Seit 1972 habe ich gemerkt, dass mein privates Leiden gesellschaftlich produziert ist. 1972 habe ich mir über Gewerbeschein ein Institut für Sexualinformation gekauft. Man konnte das in Hamburg für 12 Mark 50. Da wußte ich erst gar nicht, was ich damit machen sollte. Ich bin ins Jugendzentrum in der Fabrik gegangen und habe ein Jahr lang mit den jungen Leuten gesprochen, das heißt, die haben mir ihre Geschichten erzählt. Ich konnte gar nicht viele Informationen geben, die haben mir ihre Sachen erzählt. Dann bin ich ins Fernsehen gekommen, von zu Hause weggegangen, bei der Caritas ‘rausgeflogen — dass ich noch lebe, ist das größte Wunder. Wolfgang hatte dafür gesorgt, dass ich mir eine Putzstelle suchte. Er sagte: "Dann gehst du eben putzen." Ich bin ein Jahr lang bei reichen Leuten in Blankenese als Putzfrau gewesen. Um die Zeit fingen meine Auftritte in Kabaretts an, in Hamburg in der "Wendeltreppe". Das war ein sehr renommiertes Kabarett. Da fing das so an: "Helga, wenn du noch einmal etwas gegen die Kirche sagst, und wenn du das Wort ‚Ficken‘ gebrauchst, fliegst du raus." Ich sagte: "Das ist wegen des Reims nötig: Ficken ist auf beglücken, Rammeln ist auf begammeln. Wenn ich Rammeln habe, dann muß ich begammeln. Der Dichter hat nicht so viele Möglichkeiten." Da begannen die Einschränkungen. Jeder wollte mich einschränken. Einer sagte: "Helga, du bist mir zu ehrlich mit dir kann man kein Geld machen." Der andere: "Ich habe immer gedacht, du bist unmoralisch, aber du bist ja moralischer als wir alle zusammen." Dann hatte ich das Glück oder Pech gehabt, dass ich 1975 mit einer Zweierbeziehung zu Otto Muehl nach Österreich gekommen bin. Dort war eine Gruppe mit freier Sexualität und Gemeinschaftseigentum, die vor allem Müttern und Säuglingen Schutz gab, so dass eine Frau nicht angewiesen ist auf einen neurotischen Eheman und dem nicht gewachsen ist, sondern die ganze Gruppe sich für die Kinder verantwortlich fühlt. Das hat mich derart fasziniert, dass ich meine Arbeitsstelle kündigte. Seit Juni 1975 bin ich geschieden, weil mein Mann anfing, mir Vorschriften zu machen. Er meinte, ich würde das Niveau herabziehen. Ich sagte. "Hör mal! Wo ich bin, ist mein Niveau. Wenn die Leute das nicht kapieren... ich kann nichts für die Ideen von den Leuten. Ich bin immer mein Niveau. Aber vielleicht ist es besser, du bist nicht mehr dafür verantwortlich, wir lassen uns lieber scheiden." Dann richtete ich in Hamburg eine Gruppe mit freier Sexualität und Gemeinschaftseigentum ein. Mit der Gruppe habe ich schwierige Sachen miterlebt, aber auch sehr schöne. Michael war 18, der hat zuerst gekotzt beim Ficken und beim Küssen war ihm übel. Da hatte ich gerade in dieser Gruppe in Österreich mitgekriegt, wer kotzen kann, hat die Gefühle noch locker, der ist noch nicht so abgepanzert. Wer nicht mehr kotzen kann, ist derart abgepanzert, dass er seine Gefühle gar nicht mehr spürt. Deshalb habe ich jedesmal einen Kotzeimer für den Michael geholt, und nach dem Ficken hat er zwei Finger in den Hals gesteckt und gekotzt. Nach drei Monaten machte ihm das Ficken Freude. Ein Mann sagte: "Na, wenn ich mit so einer Ollen ficken müßte, würde mir auch schlecht werden." Michael hat dann angefangen, mit Franziska zu ficken, einem schönen jungen Mädchen und hat am Anfang auch kotzen müssen. Eine Frau erzählte (ich erzähle solche Sachen gerne als Beispiel): "Ich dachte immer, bloß Frauen wird‘s schlecht beim Ficken." Eine 40jährige Frau sagte, wenn ein Mann in ihrer Gegenwart kotzen würde, dem würde sie aber glatt einen Tritt in den Arsch geben. So habe ich immer mehr hautnah mitgekriegt, dass wir keine Sexualität haben. Monika war 28 Jahre alt, sie war Hebamme. Sie hat erzählt, was sie für eine schöne Sexualität hätte. Dann kam ‘raus, sie hat alle Männer angemacht und sich dann nicht ficken lassen, wegen ihrer Mama... da saßen die Verbote. Da hat Michael ihre Hand genommen und gesagt: "Komm Monika! Jetzt faßt du mal deine Möse an." "Nein!" Der sagte: "Helga, die hat ihre Möse bisher nur aus hygienischen Gründen angefaßt, sie hat noch nie ihre eigene Möse angefaßt." Er hat dann vorsichtig ihre Hand genommen, und sie haben Doktorspiele gemacht. Monika hat langsam angefangen, Gefühle für sich zu kriegen. Sie hat vier Monate hier in der Wohnung nicht mit mir gesprochen, weil ich ihren Geburtstag nicht beachtet hatte. Ich wußte nicht, wann sie Geburtstag hatte. Da sagte ich: "Hör mal, Monika! Wenn dir der Tag so wichtig ist, mache ihn uns doch schön." Kürzlich fragte ich sie: "Monika, was hätte ich damals machen müssen?" Sie sagte: "Helga, du konntest nichts machen. Ich mußte das Problem mit meiner Mutter an dir abarbeiten." Weihnachten hat mir Monika geschrieben: "Helga, ich lebe erst, seitdem ich dich kenne. Vorher habe ich immer nur auf das reagiert, was ich dachte, dass die Leute von mir erwarteten. Heute kann ich meine eigenen Gefühle und Bedürfnisse anmelden, und ich kann auch respektieren, dass andere Leute Bedürfnisse haben." Ich weiß nicht, was Liebe ist? Ich glaube, dass hat alles sehr viel mit Liebe zu tun. Aber Verliebtsein, das ist Schwulität und das ist... wenn ich an der Reklamesäule diese schönen Zigarettenreklamen sehe, hör mal, da bin ich total geil auf die, das ist doch klar, die nehmen doch Figuren, auf die ich geil bin, oder? Sonst würde ich ja nichts kaufen.

ROSA: Hast du einen Typ? Volker sagte mir, dass du an sich ganz gern junge Leute magst, junge Männer magst und auch ein bißchen Bisexuelle?

HELGA: Nein. Ich hatte zwei Männer, die an der Sexualität gearbeitet haben, und die in meinem Alter waren. Der eine war Giovanni und das war total das Tollste, und der andere, das war der Pfarrer. Das waren eigentlich meine besten Partner. Aber sage mir einen Mann in meinem Alter, der an der Sexualität arbeitet. Ich kenne keinen. Der Pfarrer ist aus dem magischen Kreis ausgestiegen, er hat sein Pfarramt verlassen, wer läßt es denn schon darauf ankommen, nicht? Ich habe keinen Typ. Wer sich verändern will und was entsteht.Ich wollte immer wissen warum ich leide. Ich habe mir viel Material besorgt und erst, wenn ich irgendwie für mich Klarheit habe, wenn ich das ausdrücken kann, dann kann ich das anderen Leuten erklären. Wir haben 6000 Jahre Patriarchat. Da hat irgendwer gesagt: Macht euch die Erde untertan! Wir müssen uns mal vorstellen, die Menschen sind wie Ameisen, winzig klein, und die Erde ist groß, ein Achtel ist Landmasse und sieben Achtel sind Wasser. Dann sind die Leute losgegangen. Ich sage immer als Beispiel: Durch die Wüste Gobi geht man bloß, wenn man sexuell entsetzlich frustriert ist. Wenn du sexuell nicht frustriert bist, dann brauchst du ja nicht durch die Wüste Gobi zu marschieren. Unter diesem Menschenbild, welches das Patriarchat aufgestellt hat, wurde jeder Mann zum Helden. Das bedeutet Sadismus und Einsamkeit. Jeder Mann ist im Gefühlsbereich Baby, Bulle oder tückischer Hund. Jede Frau ist im Gefühlsbereich Dornröschen, Kuh oder tückische Kröte. Frauen durften 6000 Jahre lang keine eigenen Sachen machen. Alle Frauen sind totgemachte Löcher. Wir müssen überhaupt nicht denken, dass irgendwas hier sich von allein entwickeln kann. Wir sind das Produkt von 6000 Jahren menschlicher Produktion. Die Männer haben aggressive Stoßstangen, und dahinter ist die Wüste. Jedem Jungen ist mit zwölf Jahren klar gemacht worden, bald geht es los. Mit wem es losgehen soll, das ist ihm nicht gesagt worden.Jedes Mädchen hat mit zwölf Jahren gesagt bekommen: Paß auf! Die Männer sind alle Schweine, und du siehst doch deinen Vater, und das muß sich lohnen. Das Mädchen kriegt also mit zwölf Jahren Informationen, dass sie sich zurückhalten soll, und der Junge kriegt mit zwölf Jahren Informationen, dass es bald losgeht. Wir sind total aneinander vorbei programmiert. Inzwischen haben wir die Erde derart erobert, dass wir sie ein paarmal in die Luft knallen können. Wenn wir jetzt nicht anfangen, an den Gefühlen zu arbeiten, gehen Menschen und Tiere zugrunde. Das System Patriarchat hat Gefühle abgespalten. Denken und Fühlen sind zwei verschiedene Bereiche. Die meisten Leute fühlen überhaupt nichts, die denken Gefühle, die denken: "Ist der schön? Auf den will ich geil sein." die wissen gar nicht, was Gefühle sind, Gefühle sind ganz etwas anderes. Da legt man die Hand auf den anderen und da passiert etwas. Die Körper haben Weisheit. Diese Weisheit haben die meisten Leute verloren. Ich will jetzt an den Gefühlen arbeiten. Ich habe im Moment vier Möglichkeiten anzubieten: Das, was ich am liebsten möchte, ist, eine Hetäre zu sein. Das bedeutet, dass ich hier einen Salon habe und die Leute kommen zu mir, und ich spreche über das, was ich gemalt habe, was ich gelesen habe, und am Abend sage ich: "Heute möchte ich gerne, dass du bei mir bleibst." Das muß eine hohe Ehre und eine ganz schöne Sache sein, auch für einen Mann. Das zweite ist, dass ich Tempelprostitution will. Die Sexualität muß wieder von den Frauen organisiert werden und nicht von den Männern und zwar in heiligen Hallen, wo schöne Musik spielt, schöne Bilder sind. Man geht anonym hin, aber es geschieht eine heilige Handlung. Wir müssen lernen, dass jede Begegnung in der Gegenwart stattfindet. Die Beziehung ist nicht, weil meine Mama oder weil mein Papa oder lange blonde Haare oder einen Schwanz, der 30 cm lang ist, sondern in diesem Moment, wo wir zusammen sind, da passiert Begegnung. Und das könnte zum Beispiel als Tempelprostitution gemacht werden. Drittens biete ich an, es sollen sich zehn Männer und zehn Frauen zusammentun — das ist jetzt bloß als Beispiel, es können auch drei Männer und drei Frauen sein — die sollen an der Sexualität arbeiten. Das Leben ist Arbeit. Die Leute haben vor dem Wort "Arbeit" Angst. Aber Wachsen ist auch Arbeit. Ich verspreche den Leuten zehn Jahre Frust. Wenn nämlich verkehrt programmierte Körper anfangen, sich echt zu bewegen, kommt da zuerst an Gefühl soviel Haß, Ekel und Aggression hoch.Unsere Wut! Diese Scheißmama! Denn es ist so: 90% unserer Gefühle werden im ersten Jahr gebahnt und die restlichen 10% bis zu unserem vierten Lebensjahr. Mit vier Jahren sind wir schon vorkonditioniert auf unsere Gefühlssensibilität und Gefühlstiefe. Ich bin z.B. ein Jahr genährt worden, und ich weiß, dass ich dadurch eine gute Grundlage habe. Aber wer von Klein an hilflos dagelegen hat, der hat doch nie Vertrauen zu Wärme und Zuwendung gehabt und muß das wieder erlernen. Wir müssen einmal zurückgehen bis zu unserem Säugling, und von da an müssen wir uns erst aufbauen, sonst passiert nichts. Viertens biete ich an: Alle Schulen schließen, die Kinder schmusen und ficken lassen und an den Aggressionen arbeiten. Ich will dabei sein. Aber ich will zur Verfügung der Kinder da sein. Ich habe das mal auf dem Bild gemalt. Hier ist ein Uterus, und früher hatten wir im Uterus den Helden. Jetzt wollen wir mal in den Uterus die geile Frau ‘reintun, also so als Arbeitsmöglichkeit, ich habe noch ein Gitter drübergemalt. Wer in solchem Haus groß geworden ist und solche Eltern gehabt hat, muß faschistisch sein. Ich behaupte, wir sind alle faschistisch. Faschismus ist Menschen-verachtung. Eine hat zu mir gesagt: "Frau Goetze, das kann doch nicht so sein, wir haben vielleicht kleine faschistische Züge.""Ich sage: "Hör mal! Bist du 33% faschistisch oder 67% faschistisch? Solange du ein halbes Prozent faschistisch bist, mußt du an deinen Gefühlen arbeiten." Otto Muehl in Österreich hat gesagt: "Jetzt schneidet eure Haare ab und zieht eure Kleider aus und dann wollen wir sehen, was von euch noch übrig ist, wenn ihr nackt seid, Männlein, Weiblein, Männlein, Weiblein." Nun ist es so, dass manche Leute sich bei dem System entwickeln können, andere nicht. Ich habe jetzt das Buch gelesen von Theweleit: Männerphantasien. Da ist mir aufgegangen, wer schon eine Ich-Konstruktion hat, wer schon einen Vater bekämpfen kann, das nennt man den Ödipuskomplex. Wer also schon die Wut auf seinen Vater ‘rauslassen kann und sich gegen seinen Vater behaupten kann, der kann sich in dieser Gruppe entwickeln. Wer aber im Mutterleib geschädigt worden ist oder in den ersten Wochen und Monaten, der hat einen ganz weichen Kern und hat sich einen Panzer darübergebaut, der kann sich in solchen Gruppen nicht entwickeln. Der baut sich einen neuen Gruppenpanzer auf, von außen kann das ganz schön aussehen. Aber für die Sexualität ist keine Chance. Ich habe einen Satz gelesen: Ich hätte viel mehr begriffen, wenn man mir nicht so viel erklärt hätte. Heinrich Böll hat mal geschrieben: Die Erlösung kommt von der unnormalen Großmutter. Ich weiß inzwischen: Wir sind alle aus einer Möse ‘rausgekommen. Jeder kleine Junge und jedes kleines Mädchen ist aus der Möse einer Mutter rausgekommen. Eigentlich müßte die Mutter so entwickelt sein, dass sie den Jungen und Mädchen etwas von sich erzählen kann. Dem Jungen von seinem Schwanz, dass er ein Mann ist, und was das für eine schöne Sache ist, und dem Mädchen etwas von ihrer Möse, und dass sie nachher wieder Mutter wird, und dass das auch eine tolle Sache ist. Aber das hat keine Mutter getan. Esther Vilar schreibt in ihrem Buch "Das Polygame Geschlecht", glaube ich, dass jede Frau sich einen Mann sucht als Mutterersatz. Das bedeutet, sie kastriert dem Mann seine Sexualität und aktiviert seinen Brutpflegetrieb. Das habe ich mit meinem Man auch gemacht. Dreißig Jahre lang war mein Mann Vater und Mutter zugleich für mich. Das ist auch eine Art Liebe, aber diese Liebe will ich nicht mehr. Ich will die Liebe, die wirklich mit Schwanz und Möse entsteht. Was da entsteht, das wissen wir noch nicht. Ich habe, Gott sei Dank, schon Sachen erlebt, dass ich weiß, wovon ich rede:

Der Mike ist gekommenDie Gefühle schlagen ausDa gehe ich ins Bett reinund fick mich tüchtig ausDenn Gefühle, die haben unglaublich viel SchwungUnd wenn ich mit dir plaudere, wird mir unheimlich jung. |

Ich hatte im vorigen Jahr eine sehr intensive sexuelle Beziehung mit einem Mann, der nach dem fünften Mal Panik gekriegt hat vor mir. So intensiv wollte er es nicht. Er sagte am Anfang konnte er mit meiner schnellen Bewegung nicht mitkommen. Als er mitkam, da ist ihm schlecht geworden. Dann ist er nicht wiedergekommen. Als er hier auf dein Sofa lag, hatte ich das Gefühl, ich sollte seine Pornofilme nachspielen, da hat er sich gut gefühlt. Da habe ich wieder mitgekriegt: Wenn es uns schlecht wird, dann fängt die Veränderung an. Wo die Angst ist, da geht es lang. Wir können an der Oberfläche bleiben. Die meisten Menschen haben gar keine Lust, so tief ‘reinzugehen, wo es weh tut, wo die Schmerzen kommen.

ROSA: Glaubst du, dass jeder mit jedem ficken soll?

HELGA: Eigentlich kann es jeder mit jedem. Aber so, wie wir sind, im Moment nicht. Wenn wir das schaffen, dann sind wir wirklich mündige Menschen.

ROSA: Was machst Du denn für eine Auswahl? Wenn du aus dem Haus gehst, gibt es da Leute, die sympathischer sind, oder die du attraktiver findest?

HELGA: Ich habe gelesen, wie verlogen das ist. Diese Intellektuellen, die sich so eine schöne Fassade aufbauen, was habe ich bei den für einen Kitsch und Quatsch mitgekriegt! Wolfgang oder Christoph z.B., du, die hatten nicht die Fassade. Ich habe mit denen nachher viele schöne Sachen erlebt. Z.B. mit Wolfgang, der ist jetzt 38. 1974 hat er mich angeschrien, dass ich doch gewußt hätte, dass er schwul sei. 1977 haben wir wieder angefangen zu ficken. Mit dem habe ich ein paarmal auch zu dritt gefickt, also noch ein schwuler Freund von ihm war dabei. Mir hat es sehr gut getan, weil die dafür gesorgt haben, dass ich eben gut drangekommen bin.

ROSA: Mit wem hast du zuletzt gefickt?

HELGA: Ach, im Moment habe ich eine sehr schwierige Beziehung mit einem Mann, der ist Armenier, er hat einen türkischen Ausweis, ist 35, Dr. Sowieso an der TU. Der hat wirklich bloß alles im Kopf. Jetzt habe ich angefangen, mich zu verweigern, ich will das nicht mehr.Der benutzt seine ganze Intelligenz, um seinen Ekel weiter zu kultivieren. Er ekelt sich vor Küssen. Er ekelt sich vor Mösengeruch. Ich sag: "Hör mal! Eine Möse riecht nach einer Möse. Benzin riecht nach Benzin, eine junge Möse riecht nach einer jungen Möse, eine alte Möse, die ist wie Käse und Wein. Ahh, das ist schön, durchwachsenes Leben. Ich will keine Leute mehr an mich ‘ranlassen, die sagen, steck deine Zunge weg oder so. Ich mache das nicht mehr. Alles oder nichts. Du, dann will ich lieber nichts.

ROSA: Wo hast du den kennengelernt?

HELGA: Den habe ich bei der AAO kennengelernt. Den kenne ich auch schon drei Jahre. Mit dem habe ich schon mal in einer Gruppe mit freier Sexualität zusammengelebt. Der hat mich vorgestern nachts um zwölf angerufen: "Helga, ich weiß jetzt, wie meine Sexualität läuft. Ich suche mir immer ganz junge Mädchen, die wie Jungs aussehen, da spiele ich meinen eigenen Vater, der mich fickt!"

ROSA: Waren, sagen wir, deine letzten Beziehungen oder Sexualbeziehungen, jünger, sehr viel jünger als du?

HELGA: Ja, jetzt ist es eigentlich so, dass nur jüngere Männer da sind.

ROSA: Wie kommt das? Du spielst also die Mutterrolle, die Sexualität weckt oder...

HELGA: Das weiß ich nicht. Diesen Nelu habe ich bei der AAO kennengelernt, wo die Leute sich verändern wollen. Ich habe von Anfang an gewußt, dass ich so eine Art Hebamme bin, so eine Art Mammi, und ich will das nicht. Ich will dir etwas sagen: Junge Leute sind älter als ältere Leute, wußtest du das? Jeder junge Mensch, der 20 Jahre alt ist, hat erst einmal total seinen Vater und seine Mutter drauf. Diese Dalina, die Tochter von der Friedel, die ist 6 Jahre alt von der können wir alle etwas lernen. Im Grunde ist es so dass die jungen Leute älter sind als die älteren Leute. Ich weiß nicht mehr wo ich mich bewegen soll. Ich bin hier in Kreuzberg, ich gehe ins Kreuzberg Café. Auf der Straße umarmen mich plötzlich die wildesten Gesellen. Wenn ich mal in der Kneipe bin, sagen die: "Helga, stell’ dich auf den Tisch, fang’ an." Da war ich im alternativen Umweltdorf, habe sechs Wochen einen Workshop Sexualität gehabt, die Stachelschweine sagen zu mir, ich sei zu intelligent für ihr Publikum. Wo soll ich noch hingehen? Erzähle mir das mal! In Hamburg bin ich beim "Literatrubel" gewesen. Da habe ich mich beworben. Da hieß es, ich wäre nicht seriös. Ich sagte: "Braucht ihr heutzutage seriöse Dichter? Wußte ich gar nicht" Dann sagte Prof. Bialas: "Ach, Frau Goetze, wir tun es auch, aber wir reden nicht darüber." Ich sag: "Hör mal! Du hast genug Geld um ins Reich der Sinne nach St. Pauli zu gehen. Aber wo gehen unsere 14-, 16-, 18-jährigen hin? Hast du dir Gedanken darüber gemacht? Die wollen auch anfangen, zu leben." Da gucken mich alle an: Peinlich, diese Goetze! Ich habe ins Goldene Buch der Stadt Hamburg geschrieben: Wer nimmt das Sexualleben der Heranwachsenden und der Frauen über dreißig wahr?Dann habe ich bei Willi Brandt dazwischen geschrien. Er sagte: "Ich rede vom Frieden!" Ich schrie: "Und ich vom Ficken!" Dann bin ich bei unserem Wirtschaftsminister, Otto Graf Lambsdorff, gewesen, das war 1977. Ich habe die alle mal heimgesucht... Kohl und alle, alle. Überall habe ich immer zwischen geschrien. Also bei Graf Lambsdorff, der hat über Energie gesprochen, und da dachte ich, Helga Goetze, sei sanft. Wirklich: sei sanft, sonst bringt das gar nichts, wenn du immer so hart bist. Man konnte ans Mikrofon gehen und Fragen stellen. Ich sagte: "Ich muß eine ganz wichtige Frage stellen. Ich versteh’ da etwas nicht. Ich war 1939 17 Jahre alt, und da fing der Krieg an. Das bedeutet, ich habe sechs Jahre miterlebt, wie großartig das Patriarchat fähig ist, Kriege zu führen. Sechs Jahre lang sind täglich Bomben gefallen, sind Flugzeuge geflogen. Wenn nachts die Bomben flogen, kriegten wir trotzdem am Tag unser Essen. Also, das Patriarchat ist total fähig, Kriege zu organisieren, und das hat auch mit der Energie geklappt, nicht? Wir haben kaputtgeschlagen bis zum Ural, weiß der Geier alles, und es waren immer Bomben da. Ich habe nie gehört, dass die einen Materialmangel hatten. Die hatten bis zum Schluß ihr Material, nicht? So, nun haben wir den Krieg verloren und unser lieber Gott war gemein. Der Gott der Engländer und Franzosen war lieber, der hat die siegen lassen, und wir haben verloren. Das war Pech, kommt ja vor. Nun haben wir 30 Jahre Wiederaufbau, wir haben Energie aufgewendet, die Straßen zu bauen, unsere Kongreßhallen. Was wir alles haben, ist total tipptopp. Können wir jetzt mal mit den Menschen anfangen? Wir reden nur von Quantitäten, können wir jetzt nicht von Qualitäten anfangen? Wer kümmert sich jetzt mal um die psychische Ausstattung der Menschen?"Da hat einer gesagt, das wäre ein Statement, darüber könnten wir doch nicht diskutieren. "Wieso?" fragte ich. "Warum sollen wir da nicht anfangen, über die Qualität des Menschen zu diskutieren? Noch mehr Krankenhäuser, noch mehr Ärzte, noch mehr Saufen, noch mehr Zigaretten? Das ist doch wohl keine Lösung. Ich will den nächsten Schritt zum mündigen, sich selbst bestimmenden Menschen." Ich weiß, ich will alles verändern. Ich weiß, dass ich das nicht schaffe, aber ich muß es trotzdem wollen. Ich habe zu Volker Pilgrim gesagt, ich brauche nichts zu schreiben, Simone de Beauvoir hat schon alles geschrieben. Da hat er zu mir gesagt: "Wissenschaft bringt nichts in Bewegung. Du bringst die Dinge in Bewegung." Einer hat gesagt: "Solche Leute wie du, die werden immer erst nach dem Tod berühmt." Ich sagte: "Ich werd’ mich beeilen, dann habt ihr schneller den Nutzen."Aber ein anderer hat gesagt: "Du hast ein duftes Thema, Helga Goetze, du kannst es noch zu deinen Lebzeiten schaffen." Im Moment sind ganz viele Sachen in der TAZ über mich. Die TAZ hat ein Gedicht von mir veröffentlicht. Es heißt: DAS WEIB EINE KOLONIE und es ist folgendermaßen entstanden: Eine Frau blättert in einem Gesundheitsbuch von 1972, und unter dem Stichwort "Frau" stehen da viele Stichworte: Hygiene und 1000 Sachen. Ach, denkt sie, was steht unter dem Stichwort "Mann"? Sie blättert, und da stand gar nichts. Weißt du, was sie da für ein Beispiel gebracht hat? Wenn man einen Kunstführer über Italien hat, dann steht über diese Kunstschätze eine Menge drin, aber über Italien selbst nichts. Wenn Italien eine Kolonie hätte, dann würde über die Kolonie etwas da stehen. So, und da habe ich mich hingesetzt und schrieb:

DAS WEIB EINE KOLONIEEntdeckt, verwickelt, entwickelt, eingewickeltZersetzt, zerteilt, zerschunden, zerschlagenbenutzt, beschädigt, beschämtWeib, ein Mittel für Gesundbeterei der SchamanenTerritorium, bestimmt, besetzt, besudeltLand, eingeteilt, kategorisiertDuftmarken, doof kolonisiert gutLandemarken, Arsch, Busen, SchminkeGesundheitssport, Leistungsgerät, MaschineBrachland, Sumpf, Moor, schwankendes TorfAngst im Nebel, der Landvermesser wird trockenlegenÜberschaubar machen, übersichtlich, für den Export hergerichtetEs muß sich lohnen, das Territorium hält sich sprödeEs lernt seine Preise, verkaufe dich nicht billigWare, was nichts kostet, ist nichts wertDer Herr setzt seinen Fuß auf sein Land und hißt seine FahneLa Bandiera, die Potenz, und wehe,sein Gelände wird von fremden Händen berührtPartner? Wie kann ein Sklave Partner von Herren sein?Dämlich gemacht, Damenhaft, Ästhetisch die Kultur der ErobererSetzen wir unseren Gewaltlosen Widerstand fortPassiv, Aktiv, die Strategie der VerlorenenVerweigern wir ihre Kirchen, ihre Schulen, ihre UniversitätenIch habe meinen Lehrstuhl für freies Lieben, freies Sprechen eröffnetund halte meine Vorlesungen auf den Straßen der ErobererDa schicken sie ihre Polizeiund verfangen sich in ihrer eigenen PornographieLachen tötet, lachen wir über die Anmaßung von Verderbern,Die ihre eigene Substanz versaut habenAn ihrer eigenen Kotze sollen sie erstickenOder kommen auf Knien und das Land freisetzenFreiheit ist mehr ArbeitAber eine Kolonie, die lacht, haDie hat Energie und VibrationTanzen wir, schreien wir, weinen wir, ficken wirVom Sklaven kann Herr viel profitieren, wenn es darum geht |

ROSA: Du hast sehr viele Aktionen auf der Straße gemacht. Kannst du mal beschreiben, wie... Was war deine erste Aktion?

HELGA: Ich bin 1975 in Kabaretts aufgetreten, und da habe ich gedacht: Helga, alle Leute können mit ihren Produkten Geld machen, warum kannst du das nicht? Ich bin im Januar 1976 ins LIT eingetreten. Das ist in Hamburg ein Kreis von Kunstschaffenden, die von der Stadt unterstützt werden. Dorthin bin ich jeden Dienstag treu und brav gegangen und wollte mich auch mal produzieren. Ich habe mit meinen Gedichten angefangen, und dann hat plötzlich eine Frau nach dem dritten Mal gesagt: Helga Goetze, deinetwegen sind schon Leute weggeblieben. Du machst die Männern an, und wenn du von allein nicht gehst, dann muß ich dir das nahelegen, dass du nicht mehr kommst. 1976 hatten die Literatur auf dem Markt, da habe ich mich gemeldet und wollte gern einen Termin haben. Da hieß es: Ihre Gedichte sind ganz niedlich, aber was sie dazwischen sagt... 1977 habe ich mich wieder beworben, doch da hieß es: Ich sei nicht seriös. "Braucht ihr jetzt seriöse Dichter?" habe ich die gefragt. Wolf Biermann sagte: "Jetzt fängt sie ja wieder vom Ficken an." Ich sagte: "Vom Nichtficken! Hast du das nicht kapiert? Ich rede vom Nichtficken!" Einer hat mich aufgefordert: "Komm’ her, stell’ dich doch auf die Straße und mach einen Gegenliteratrubel. Stell’ dich hier auf die Bank und fang an." Da habe ich mich dann in der Spitalerstraße auf die Bank gestellt und meine Sachen aufgesagt, z.B. ALS MEINE MUTFER EIN BABY BEKAM... Die Leute meinten: "Frau Goetze, da muß doch auch Ästhetik dabei sein." Ich sage: "Echt wahr! Mein linkes Bein ist echt noch ästhetisch, guck mal, 58 Jahre. Aber mein rechtes Bein... wenn ich ein Mann wäre und würde mit solchen Beinen im Bett aufwachen, ich würde glatt in Ohnmacht fallen. Da sind Krampfadern." Dann sagte einer: "Dann ist dein linkes Bein dein Balzbein."Um Ästhetik zu genügen, zeige ich mein BalzebeinEi, das Linke ist das HübscheFicker balz ins Linke reinden das Rechte hat so Adern, Narben und ein ÜberbeinNein, das Rechte ist nicht hübscheIch verberg’ das rechte BeinHat der Dumme angebissenWie ein Tier beim BalzenGarn ich ihn verrückt mir umBumm! in das Linke, in das HübscheEi, du Ficker, beiß’ ins LinkeBeiß’ ins hübsche BalzebeinDenn du Blöder, erstmal bumsenDann zahl’ ich dir alles heim.Dann sage ich: Wir scheißen uns alle an. Mal sind es die Locken, manche Frauen stehen auf einem Porsche, was denkst du, wie die einen Mann lieben, der einen Porsche hat? Hör mal! Liebe! Wir wissen überhaupt nicht, was das ist. Liebe, was ist das? In diesem Land ein fremdes Wort, man muß es kennen, übersetzen ist so schwer, dies Übersetzen in ein neues Land, wo Geborgenheit und Gestaltung winken. Wir wissen noch nicht, was Liebe ist. Wir haben bloß Bedingungen gelernt und ästhetischen Schnulzenkram. Ich habe mal einen kennengelernt, der hatte eine Schüttellähmung. Der hat neun Jahre im Knast gesessen. Den haben sie da für Schwulität vergewaltigt und haben lange sein Kopfkissen auf den Kopf gedrückt... Als ich zum ersten Mal in die Knacki-Kneipe kam, da sagte er: "Helga, wann ficken wir?" "Gott!" habe ich gedacht, "jetzt kommt die Stunde der Wahrheit." Beim zweiten Mal hat er wieder gesagt: "Helga!" Beim dritten Mal habe ich zu ihm gesagt: "Paß mal auf, Joseph. Ich mache das mit der Hand und dem Mund." Da sagte er: "Wir müssen auf die Toilette gehen." "Nee," sage ich, "wir können das hier machen. Wer kommt, der kann doch sehen, dass du Bedürfnisse hast." So habe ich es ihm mit der Hand und dem Mund gemacht. Der konnte nämlich noch nicht mal wichsen.Nachher habe ich mit einer Frau darüber gesprochen, die fragte mich: "Was hast du denn davon gehabt?" Ich sage: "Wenn ich Kraft und Zuwendung kriege, dann kann ich auch etwas abgeben. Dann soll Joseph auch zu mir gehören. Der ist nämlich nicht so verlogen. Die anderen sind alle noch so verlogen, aber der hat nichts mehr mit Lügen. Neun Jahre Knast! Da gibt’s nichts mehr zu lügen.Auf der Spitalerstraße in Hamburg, da habe ich unglaublich gut gelernt, auf Leute zu reagieren. Z.B. habe ich meine Brüste ‘mal gezeigt. Da wurde ein alter Mann ganz blaß und sagte: "Das ist ja Pornographiel!" Aber auf einmal dreht er sich um und sagt: "Die Frau ist in Ordnung!" Da hatte ich wirklich vor allen Leuten so einen Lernprozeß gezeigt.Manche gingen vorbei und riefen mir ihr Wunschgedicht zu, das ich aufsagen sollte. Die hatten schon ihre Lieblingsgedichte. Einer hat mir mal gesagt: "Paß mal auf, Helga Goetze. Mit dir ist das wie mit der Milch. Du mußt dir mal vorstellen, da ist ein großer Bottich, in den kommen langsam Bakterien rein, die Sonne und so. Dann fängt die Milch so langsam an, sich zu zersetzen. Aber erst, wenn die Milch überall sauer ist, dann gerinnt sie, und darauf mußt du warten.!" Solche Sachen haben mir einfache Leute erzählt. Ich habe da unglaublich viel gelernt.

MORGEN KOMMT DER WEIHNACHTSMANN
Kommt mit Sack und GabenUnd die Kinder wundern sichWeil sie alles habenAutos, Puppen, SchießgewehrHäuser, Fressen und noch mehrMorgen kommt der WeihnachtsmannUnd bringt seinen Plunder anHier drei Mark und dort dreihundertPelzgemäntel, alles WunderZählt die Schecks und zählt die GabenDie die Weihnachtsmänner habenKommt ein kleines Mädchen anDas den Dreck nicht brauchen kannBettelt leiser, habe mich liebBitte mir ein Küßchen gibDa fängt unser WeihnachtsmannFürchterlich zu brummen anKüsse sind nicht zu bezahlenLiebe gibt man niemals ausDenn die Menschen raffen, rechnen. Fühlen?Dabei kommt nichts rausDrum merkt alle hier im LandWeihnacht wird gefüllt mit TandRoboter und StampfmaschinenHampelmänner, HampeltrinenMorgen kommt der WeihnachtsmannDer für sie das Fest ersann. |

Dann kam die Polizei. Fünfzigmal habe ich 1977 da auf der Straße gespielt. Beim siebten Mal ist die Polizei gekommen. Die Polizisten waren echt freundlich. Man sah die schon von weitem, die kamen immer sehr langsam und waren unentschlossen.Aber da war ein großer Kreis Leute drumherum. Einer aus dem Publikum brauchte das bloß anzuzeigen, dann ist das für die Polizei ein Akt. Da sagte der eine Polizist: "Frau Goetze, merken Sie gar nicht, dass Sie stören?" Ich sage ihm: "Hör mal! Das ist das einzige, was ich will."1978 und 79 bin ich auf eigene Kosten nach Hamburg gefahren zum Literatrubel und habe meine Bilder an diesem Platz, wo die ganzen Aktivitäten waren, Dichterlesungen, Buchverkauf usw. gezeigt. Plötzlich stehen hinter mir zwei Polizisten in Zivil und sagen: "Packen Sie bitte ihre Bilder zusammen, sonst müssen wir Sie mit Gewalt hier wegführen." Ich sage: "Hört mal! Ich will da zuhören." Das Verrückte war, dass gerade das Thema; "Wo steht die neue Frauenbewegung heute?" dran war. Indem Moment hat mich die Polizei im Polizeigriff weggebracht.Da sagte nachher eine Frau: "Helga, das hast du doch arrangiert?" Ich sagte; "Spinnt ihr?" Ich habe zweimal laut "Hilfe" geschrien. Aber da hilft dir keiner, das mußt du wissen. Dann habe ich gesagt: "Na, macht eure Literatur schön weiter." Und zu den Polizisten: "Ich schrei’ nicht länger. Ihr könnt mich wieder loslassen." Ich weiß inzwischen, wann man schreien muß, und wann man nicht mehr schreien darf. Dann hat mich im Polizeiauto ein Polizist freundlich auf die Schulter gekloppt und gesagt: "Na, Frau Goetze." Ich sag; "Na, hören Sie mal! Haben wir uns schon mal kennengelernt? Ich kann mich nicht erinnern." Dann haben sie mich in eine Zelle gesperrt und anschließend wurde ich in die Wachstube geholt.Da hieß es: Frau Goetze, Paragraph soundso, wenn wir Sie noch einmal auf der Straße agitieren sehen, sperren wir Sie wieder ein. Ich sag: "Hör mal! Bin ich ein Computer, den man abstellen kann?" Und dann, Bums, saß ich wieder in der Zelle. Nach einer Weile kommt ein netter, älterer Beamter und sagt: "Was ist denn hier eigentlich los?" Dann haben sie mich wieder gehen lassen, und abends konnte ich meine Bilder abholen. Danach stand in der ZEIT: Es gibt soviel Gewaltpornographie, wieso die garantiert menschenfreundliche Pornographie der Helga Goetze mit Gewalt von der Straße geholt wird, ist mir ein Rätsel in unserem, ach so freien Land.In Berlin bin ich vom Ku‘damm weggeholt worden. Dort sind sechs Bilder von mir beschlagnahmt worden. Das Verfahren wurde hinterher niedergeschlagen. Das hieß dann, es ist wohl doch keine Pornographie. Kunst ist es aber auch nicht. Ich erinnere ans Leben und dafür gibt’s noch keine Paragraphen. Werden sie sicher bald finden.ROSA: Bist du nach einmal in der Zelle gewesen, für eine Nacht oder einen Tag? Bist du nie verurteilt worden durch ein Verfahren?HELGA: Nee, ich weiß zu viel Bescheid. Aber du, wer nimmt das alles auf sich? Erzähle mir, wer nimmt das alles auf sich?ROSA: Du gehst hier auch in die U-Bahn?HELGA: Hier ist das so. Ich bin aus der Pubertät meiner Gefühlsentwicklung ‘raus. Ich habe jetzt ganz viel ausprobiert. Ich habe eine Zeitlang wirklich nicht gefragt: "Was bist du?" Ich habe mit den unmöglichsten Leuten gefickt. Ich habe mit Malte gefickt, der drogenabhängig ist, 24 Jahre alt. Der hat eine Stunde gekämpft. Nach einer Stunde ist er plötzlich aufgesprungen, nach oben gerannt, hat sich aus dem Quelle-Katalog ein Unterwäsche-Mädchen gesucht, hat sich das Bild runtergeholt, hat den Schwanz wieder ‘reingesteckt, und dann konnte er abspritzen. Es war sehr oft ganz schön schlimm. Mich hat noch nie einer in die Pfanne gehauen. Ich habe von niemand gehört, dass sie sagten: Die Goetze, die schmeißt sich jedem an den Hals. Oder: Was die macht! Volker macht es noch ein bißchen wissenschaftlich und redet noch so ein bißchen drumrum, was er meint, das ich wäre, aber er hat trotzdem auch gute Gefühle für mich, eigentlich jeder. Ich habe mal mit einem ganz jungen Menschen gefickt, und die Eltern wollten mich anzeigen. Seine Eltern hatten ein Gedicht entdeckt, in dem ich nämlich geschrieben hatte: Das erste Mal ficken, das müßte wie Weihnachten sein! Dann habe ich nachher geschrieben: Das war wie Totensonntag und Erster Advent, das ist noch längst nicht Weihnachten. Das erste Mal ficken ist, wenn so ein Toter anfängt, sich langsam zu bewegen. Das Gedicht haben die Eltern gefunden und wollten mich anzeigen. Da sagte ich: Erstens habe ich kein Geld genommen. Geld nehmen ist ja immer pervers; nicht? Zweitens, sagte ich, es ist doch gut, wenn die Gesellschaft sich fragt, wo gehen die Heranwachsenden hin? Dann haben die aber keinen Prozeß geführt. Im letzten Moment war das immer so...

ROSA: Was hältst du von Prostitution? Wie beurteilst du das?

HELGA: Ich bewundere die, aber ich könnte das nicht. All’ die psychischen Krankheiten von diesen Leuten an mich ‘ranlassen. Wer das versteht, aber im Grunde ist das alles Krankheit. Kürzlich habe ich eine Prostituierte besucht. Die schien mir unglaublich stark zu sein, doch dann kam ‘raus, dass sie ein narzißtischer Typ war, mit einem totalen Haß und Ekel vor Männern. Es ist eben dann das Geld oder so, damit kann sie sich jedesmal wieder organisieren.

ROSA: Wie lebst du jetzt finanziell?

HELGA: Ich habe das Glück, dass ich, seitdem ich geschieden bin, Geld von meinem Mann bekomme. Ich habe mir vorgenommen, deswegen kein schlechtes Gewissen zu haben. Ich habe 28 Jahre eine gute Ehe geführt, nachher hat sich das langsam aufgelöst. Es ist so, dass zu Hause keinem etwas weh tut. Mein Rechtsanwalt hat gesagt, ich hätte um die Häuser kämpfen sollen. Wir hatten Besitz. Aber ich habe gesagt: Mein Mann hat mich meine Spiele spielen lassen, und die Häuser sind bloß auf dem Papier viel wert, da wohnt eine Familie drin, und das ist ein großer Garten. Wir haben keinen Streit ums Geld gemacht. Er hat mir zuerst 500 Mark gegeben, und jetzt kriege ich 750 Mark. Ich muß davon 68 Mark Krankenkasse bezahlen. Ich habe in diesem Jahr vier oder fünf Auftritte gehabt, mit circa 200 Mark, habe noch ein paar Bücher zu verkaufen und neuerdings eine Tonkassette und das ist eigentlich so das, was ich für Material und Telefon brauche. Ich komme mit dem Geld zurecht.

ROSA: Wie glaubst du, dass es weitergeht?

HELGA: Ich weiß im Moment überhaupt nichts. Ich bin an einem Punkt, wo ich total resigniert bin. Ich weiß, dass meine Art sexuell und kreativ zu sein, gut ist. Heute kann ich mal der böse Wolf sein, und morgen will ich Dornröschen sein. Ich will manchmal eine Mammi sein, aber ich brauche manchmal den Pappi. Ich kann total infantil sein, und ich weiß, dass es den Leuten eigentlich unglaublich gut tut. Ich will zwischen Leuten sein, die kreativ an der Sexualität arbeiten wollen. Bloß, wie ich es machen soll, weiß ich nicht. Meine Freundin Friedel ist 36. Die hat praktisch auch keine Sexualität, so eine gutaussehende Frau. Die fährt hin und wieder mal nach Köln, da ist ein Farbiger, mit dem sie manchmal fickt. Die weiß es auch nicht zu organisieren. Ihr Mann war schwul, der ist mal wegen Exhibitionismus angezeigt worden. Sie hat gar nicht kapiert, was das ist. Was ist Exhibitionismus? Was ist schwul? Warum faßt er sie nicht an? Warum...? Der ist ein ganz Lieber, der Charlie ist lieb. Seine Mutter hat ihm immer die Bettdecke weggezogen, um nachzusehen, ob er auch nicht wichst, na hör mal!

ROSA: Was glaubst du, wie sieht das aus, wenn Du älter wirst. Wirst du immer versuchen, weiter Sexualität zu haben?

HELGA: Ich mach mir nie über ungelegte Eier Gedanken. Kommt Zeit, kommt Rat. Ich bin im Moment noch so schön körperlich, ich tanze unglaublich gern. Ich kann reden und mich bewegen. Warum soll ich nicht sagen, dass ich ficken will und sonst nichts! Versteh’ mal, alles andere habe ich ausprobiert. Ich habe schon alternatives Gemüse gezogen, als es noch gar nicht so hieß. Wir hatten zwanzig Jahre eigenes Gemüse. Ich habe sieben Kinder für diese Gesellschaft kaputtgemacht und weiß unglaublich gut, wovon geredet wird. Eine studiert noch, und eine ist Bankangestellte, eine lebt in Südfrankreich, macht das Alternativleben. Ich habe überall Praxis, verstehst du?

ROSA: Wie reagieren deine Kinder jetzt auf dich?

HELGA: Mechthild hat mich am meisten verstanden. Die ist jetzt 24 und hat mal in einer öffentlichen Veranstaltung gesagt: "Sie hat auch das Recht auf ihr eigenes Leben!" Als ich mal so jammerig gesagt habe: "Ich habe euch im Stich gelassen," da hat sie geantwortet: "Bring’ deine Sachen in Ordnung, dann hilfst du uns am meisten." Das Ist ein ganz toller Satz, bring’ deine Sachen in Ordnung.

ROSA: Und die anderen?

HELGA: Du, mehr oder weniger. Die Älteste z.B. hat acht Jahre mit einem Mann gelebt, dessentwegen sie sich hat sterilisieren lassen. Der wollte sie total als Mama und Kind und weiß der Geier, was. Nach acht Jahren haben sie zwei Jahre in Südfrankreich gelebt. Sie wollten ein alternatives Leben. Dort hat sie einen Franzosen kennengelernt und hat einen schönen Sommer mit Serge erlebt. Doch Serge soff und wurde immer aggressiver. Er klaute auch und stellte die geklauten Sachen auf ihrem Grundstück ab. Sie sollte ausgewiesen werden. Da hat sie ihn ‘rausgeschmissen. Ihr Mann ging auch, und sie war allein da in Südfrankreich. Sie überlegte, was als Nächstes zu tun sei, und sie wollte ein Kind. Sie hat sich aus Haiti ein einjähriges Kind geholt, das ist jetzt drei Jahre alt, und seit der Zeit sind wir wieder in Kommunikation. Sie liest auch meine Durchschläge. Ich habe jetzt gerade einen Brief von einer französischen Lehrerin bekommen, die hat eine Frenet-Alternativschule in Frankreich, und die haben bei meiner Tochter eine Woche lang getöpfert, also eine Schulklasse. Ich will im Frühjahr meine Tochter besuchen. Meine Tochter hat auch den magischen Kreis überschritten, seit der Zeit konnte sie auch wieder mit mir Kontakt aufnehmen. Ein Sohn idealisiert mich sehr. Ich weiß nicht, wie ich ihn dazu bringen kann, dass er weiß, dass ich ihn als Säugling habe schreien lassen, und dass er erst den Haß ‘rausbringen muß, sonst ist alles verlogen. Ein Sohn will nichts mehr mit mir zu tun haben. Eine Tochter ist Lehrerin für Atmung und Stimme, mit der habe ich auch keinen Kontakt.

ROSA: Wie haben sie das geäußert, weshalb sie den Kontakt abgebrochen haben?

HELGA: Bei der Ältesten habe ich das richtig mitgekriegt. Ich habe mir doch dieses Institut für Sexualinformation über Gewerbeschein geholt. Ich hatte ein Schild an der Haustür. Als sie das erste Mal zu Besuch kam, da ist die nicht ins Haus ‘reingekommen. Sie blieb vor dem Schild stehen und kam nicht ‘rein. Der Ulrich hat mir 1972 einen Brief geschrieben. Seitdem er mitbekommen hätte, dass ich auf Annoncen schreibe und selber welche in die Zeitung setze, könnte er mich nicht mehr als Mutter bezeichnen.

ROSA: Hast du keinen Kontakt mehr zu ihm?

HELGA: Kinder sind Gäste im Elternhaus, und Kinder sind mehr oder weniger unsere Freunde. Man hält, was man läßt! Kinder brauchen auch ihre eigene Zeit. Bei der Ältesten habe ich das mitgekriegt, dass die jetzt erst für meine Sachen offen ist, weißt du? Die vier Ältesten haben meine Lernprozesse nicht mitbekommen, aber die drei Jüngeren haben die mitbekommen, und zu denen habe ich einen besseren Kontakt. Die haben gesehen, wie das ging, dass Mutter manchmal Besuch hatte und Vati jetzt zur Eva hinfährt. Die haben gesehen, dass das auch eine Möglichkeit ist.

ROSA: Du bist In dieser Kommune von Otto Muehl gewesen. Wie lange warst Du da?

HELGA: Ich war 1975 elf Tage da. Da habe ich am neunten Tag die Haare zur Glatze schneiden lassen. Das war für mich ein unglaubliches Erlebnis, weil... du kannst ja jetzt meine Haare sehen. Ich habe nie den Standard erfüllt. Ich bin jahrelang zum Friseur gelaufen. Ich wollte auch wie andere Frauen aussehen. Jahrelang trug ich Dauerwellen und eine Perücke. Für mich war das so unglaublich wichtig, dass mal die Haare einfach weg waren. Das hat die AAO auch mitbekommen, diese Gruppe von Otto Muehl. Die haben 1973 auf dem Acker gearbeitet, die Männer hatten ursprünglich lange Haare, das war so eine Hippie-Kommune, mit langen Haaren und langen Bärten. Doch bei der Arbeit auf dem Acker haben die Haare gestört, und so haben die Männer Haare und Bärte abrasiert. Da wollten die Frauen das auch. Sie entdeckten, dass die Leute plötzlich ganz schöne klare Gesichter hatten. Wieviel Neurose in den Haaren sitzt! Viele Männer kriegen früh eine Glatze. Wenn ein Mädchen schöne blonde Locken hat, dann heißt das nicht, das ist ein schönes Mädchen, sondern: Guck mal, die Blonde da! Dann geht es bloß um die Haare.

ROSA: Wurdest du akzeptiert in der Kommune?

HELGA: Ich hatte zuerst nicht so richtig kapiert, was da läuft. Als ich hinkam, da hieß es: Helga Goetze zieh’ dich aus. Ich hatte einen Büstenhalter, einen Gummistrumpf, einen Hüfthalter und fing da vor der ganzen Gruppe an, meine Sachen ‘runterzufummeln. Das hat für mich alles irgendwie sehr viel bedeutet. Das muß einmal gemacht werden. Dann zu sagen: Hier, Hallo! Ich bin 52 Jahre alt. Damals war ich 52, das ist sechs Jahre her.

ROSA: Warst du die Älteste dort?

HELGA: Ja. Dann war es so, dass die damals so eine Art Schreitherapie hatten. Ich dachte: Du kannst gar nicht schreien. Dann bin ich aufs Feld gegangen und habe angefangen zu schreien, weil ich so eine gute Schülerin bin und habe gedacht: Du mußt deine Aufgaben richtig machen. Beim Schreien habe ich angefangen zu heulen. Na, ja. Da habe ich gemerkt, dass ich ganz schön schreien kann, dass ich sehr viel Haß und Ekel und Aggression drauf habe. Ich bin nach elf Tagen weggefahren. Der Mann, mit dem ich dahin gefahren war, hat mich am zweiten Tag wie eine heiße Kartoffel fallen lassen, weil ich vor der Gruppe keinen guten Eindruck machte. Er hatte mich als die große Helga aus Hamburg angekündigt und erwartet, dass ich einen guten Eindruck mache. Aber wenn du in eine Gruppe kommst, wo du die Spielregeln gar nicht kennst... ich habe keinen guten Eindruck gemacht, verstehst du? Das war ihm derart peinlich, dass er sich lieber zum Papa hingeschlagen hat — die Männer sind raffiniert — von Mama kriegt man ja sowieso nachher nicht soviel sozial mit, wie von Papa. Er ist ein Dreivierteljahr in der Gruppe geblieben. Im vorigen Jahr hat er sich das Leben genommen. Als ich weggefahren war von der Gruppe, wollte ich auch so eine Gruppe haben. Ich will Leute haben, die an der Sexualität arbeiten wollen. Da habe ich alle Leute gefragt. Wir waren zuerst vier Leute. Michael war 19, Bernd war 21, Monika war 28 und ich. Wir hatten eine große 6-Zimmer-Wohnung, 1200 Mark Miete. Ein Vater hat gebürgt für die Wohnung, und so haben wir angefangen. Nach zwei Monaten ist der Bernd weggegangen. Der war derart aggressiv, der hat Flaschen an die Wand geschmissen, der hat Monika geschlagen, der hat Gitarren und einen Tisch kaputtgeschlagen. Wir wußten überhaupt nicht, was los war. Nachher ist er zu einer Mitschülerin gegangen, und das war eine strenge Mammi und da kam raus, dass der das gar nicht vertragen hat, Gefühle freizulassen. Der wollte eine strenge Mammi. Nach zwei Monaten war unsere Gruppe eigentlich schon ein Fiasko.

ROSA: Habt ihr Gruppensex gemacht?

HELGA: Wir haben immer nur getan, was sich ergeben hat, aus der Situation heraus. Aber, nee!

ROSA: Und bei Muehl? Hattest du da Gruppensex?

HELGA: Nee. Die machen auch geregelten Sex. Da hat jede Frau ein Doppelbett, und jede Frau soll auf den Mann zugehen, mit dem sie was machen möchte. Da waren die Männer meist impotent und aggressiv, weil der Mann ja gewohnt ist, dass die Aufforderung von ihm ausgeht. Dann merken sie, dass das eigentlich alles Krankheit ist. Krankheit sind Kränkungen — wir sind alle bis in die tiefste Seele hinein gekränkt. Die Mütter sind der schlimmste Krankheitsherd der Gesellschaft. Wir Frauen sind 6000 Jahre gedemütigt worden. Wir Frauen hatten keinen eigenen Namen und kein eigenes Geld und nur so viele Gefühle, wie Pappi uns zugeteilt hat. Da sagte einer zu mir: "Doof fickt gut." Ich sagte: "Klar! Gleich und gleich gesellt sich gern. Ich kriege ja nun alles ab. Ich kriege es auch von den jungen Frauen ab. Kürzlich war ich in so einer Pinte und habe da spontan meine Gedichte gesagt, da meint so ein junges, niedliches Mädchen: "Wie die aussieht!" Hinterher ist sie aber zu mir gekommen und wollte etwas von sich erzählen. Aber im ersten Moment weiß jede Frau, wie man auszusehen hat, wenn man auf dem Markt der Eitelkeit noch mitspielen will. Frauen passen besonders stark auf.

ROSA: Wie siehst du die Schwierigkeit z.B. von Leuten in bezug auf dein Alter und deine Person? Ich meine, Leute haben gelernt, auf Reklamepuppen oder so geil zu werden...

HELGA: Ja, aber siehst du, da passiert oft ganz etwas Süßes. Der Christoph z.B. hatte eine ganz emotionale Großmutter, und zwar eine Großmutter, die soff, und du weißt, was das heißt, eine Familie mit einer saufenden Großmutter! Die hat sich aber viel um ihn gekümmert, und ich habe oft erlebt, dass die Großmütter oft die einzigen waren, die emotional mit den Kindern umgingen, körperlich und offen, und plötzlich geht das über die Großmütter sehr gut.

ROSA: Das heißt, das Ficken mit der Großmutter?

HELGA: Ja. Einfach, dass ich ihnen das überlasse, dass sie es gestalten dürfen, dass sie auch ihre Zeit bestimmen dürfen. So der Satz: Ich hätte viel mehr begriffen, wenn man mir nicht soviel erklärt hätte, dass ich ihnen ihre Zeit lasse, dass sie mich nach zwei bis drei Jahren anrufen und sagen: Helga, wir haben ja damals gar nichts begriffen. So wie der Christoph schrieb: Du hast mir ja damals Liebesbriefe geschrieben, die lese ich jetzt. Nach drei Jahren ist ihm das aufgegangen. Das sind Lernprozesse und das Lernen tut weh, weil wir so verhungert und vernachlässigt sind in unserem Kopf, mit unseren komischen Räubergeschichten...ROSA: Bist du aggressiv? Gehst du aggressiv auf die Leute zu und sagst: Jetzt wird gefickt?HELGA: Nein. Volker hat gesagt, er hätte gar nicht gewußt, dass es soviel Sanftheit gibt. Ich bin wie ein Oberbett.