Interview Fortsetzung 4

ROSA: Haben die Leute Angst vor dir, vor deiner Direktheit?

HELGA: Ja, klar. Ich komm’ ja nicht selber dahinter. Z.B. jetzt mal wieder praktisch. Da haben drei Leute mit mir eine Kassette gemacht. Die waren Karfreitag hier. Eine Tonkassette, es ist sehr schön gewesen. Der eine hat mir gleich hinterher selbst Gedichte gemacht.In meiner Umgebung fangen die Leute plötzlich an zu malen und Gedichte zu machen. Irgendwie fängt das plötzlich an, anzuregen. Hier war ein Straßenfest im August, und da war dieser Mann, Karl-Heinz. Ich wollte schrecklich gern, dass er mitkommt. Da habe ich ihn so ein bißchen drängeln müssen, da ist er mitgekommen. Es war unglaublich schön. Aber ein zweites Mal ist er nicht wiedergekommen. Ich hatte jetzt einen Auftritt, und da kam er mit seiner Freundin. Ich fragte ihn: "Wie ist das eigentlich, wenn man zu Helga Goetze geht?" Er sagte: "Warm, unglaublich warm!" Mir hat einer mal erklärt: Das ist wie in der Physik. Das mußt du physikalisch verstehen. Wenn ein Mensch erfroren ist, dann muß man ihn zuerst in einen kalten Raum tun und ihn mit Schnee abreiben. Wenn einer sein Leben lang mit Gefühlen erfroren ist, platzt der Organismus, wenn du ihn warm behandelst, das kann er nicht vertragen.

ROSA: Glaubst du, dass Liebe etwas Negatives ist? Das Verliebtsein, das auf eine Person bezogene Lieben, dass man sagt: Da ist eine Person, und nur diese eine Person kommt jetzt für mich emotional in Frage...

HELGA: Du, so wie es jetzt ist, ist das alles Krankheit. Wir sind als Kinder so vernachlässigt worden, der Volker hat in seinem neuen Buch "DAS PARADIES DER VÄTER" gesagt: Wir können eine Zweierbeziehung im Moment nur auf oraler Basis leisten. Das heißt, wir müssen uns gegenseitig füttern und Sicherheit und Wärme geben. Wir müssen einmal unser Ego auffüllen. Jetzt mal ein Beispiel: Einer, der will ein Auto haben, kauft es. Einmal muß er die Schnauze voll gehabt haben mit Auto, dann kann er auch das Auto lassen. Dann ist es gar nicht mehr so wichtig. So ist das mit allem. Jeder muß einmal sein Ego auffüllen mit Sicherheit und Wärme und gefüttert werden. Dann können wir uns erst genital öffnen. Wir haben das nicht gelernt. Im Patriarchat gibt es das nicht. Das sind Augenblickssachen. Wir haben unten eine Vitalschicht, und dann haben wir Haß, Ekel, Aggression Schleimigkeit und droben die Charaktermaske. Wenn wir uns mit der Charaktermaske begegnen, dann geht das noch einigermaßen. Der hat einen Porsche, und der verdient gut, und sie hat blonde Haare und tatü und Mammi und Pappi und so. Aber wenn nun die Durchbrüche kommen, plötzlich erinnert sich einer, dieser Mensch zieht die Nase hoch wie meine Mutter. Scheißmutter! Ich muß immer ein Taschentuch nehmen, und die zieht die Nase hoch! Und plötzlich ist er mittendrin in den negativen und kranken Gefühlen. Der kapiert ja gar nichts, der redet immer schön weiter. Das ist unsere Krankheit, die müssen wir bearbeiten.

ROSA: Wenn du nun 30 Jahre jünger wärst, würdest du dich mit so einer offenen Sexualpolitik vor Angeboten kaum retten können, also es würden praktisch Schlangen stehen, und jeder würde sagen: Mit der möchte ich ficken. Das passiert ja den meisten jungen Frauen, die werden nur als Sexualobjekt gesehen und müssen sich wehren. Wie würdest du dich da wehren? Ich meine, du könntest ja nicht mit 1000 Leuten...

HELGA: In Hamburg war das am Anfang so, dass Tag und Nacht das Telefon ging, und die wollten auch alle einmal mit HG und alles ist OK. Die dachten, wenn sie einmal mit Helga Goetze bumsen, ist ihr ganzes Problem gelöst. Nachher habe ich gesagt: Das könnt ihr euch gar nicht leisten. Ich kann mir auch keinen Porsche leisten. Bei mir kosten die Stunden inzwischen 500 Mark. Also für 500 Mark kann man doch in einer Stunde gar keinen Spaß kriegen. Das haben die auch schon mitgekriegt. Ich habe denen gesagt: "Ich habe den Tripper! Was willst du? Faß mich nicht an." Also, wenn du mich fragst, wie ich mich wehren soll...

ROSA: Ja, aber ich meine, das ist doch die Situation, der Mann ist erzogen, aggressiv zu sein, zu werben, dauernd zu sagen, wo kriege ich etwas zum Ficken her? Die Frau wird erzogen, sich zu schützen. Das heißt, sie wird dauernd angeguckt, angegeilt von allen Selten und muß ja irgendwo eine Auswahl treffen, sie will nicht nur diesen Fick und dann weg, sondern sie will Wärme, sie will eine Beziehung, ja?

HELGA: Im Moment verweigern sich die Frauen und ich bin auch am Verweigern. Auch dieser Mann, der drei Jahre in meiner Nähe ist, eigentlich viele Kenntnisse hat, und sie eigentlich nur dazu benutzte, sich nicht verändern zu müssen, ist eigentlich gegen mich. Wenn er sich ekelt, glaubt er, ist es OK, was soll ich dabei machen? Der soll zu Leuten hingehen, wo er sich nicht ekelt. Aber das ist so, die jungen Frauen, die wollen seine Art auch nicht. Ich sage: Ihr müßt solchen Frust haben, dass ihr nicht mehr vor und nicht mehr zurück könnt. Solange die Leute noch einen neurotischen Ersatz haben, solange sie noch Fernsehen haben oder die Feten und noch ein Kino und noch ein Kino, ist mit ihnen nichts anzufangen. Erst wenn die Leute keine Ersatzhandlung mehr machen können, wenn sie wirklich wissen, ich bin das, und ich habe Schmerzen, und ich möchte gerne etwas machen, und an der Stelle kann ich nachher sein, ich bin jetzt am Resignieren, ich weiß den nächsten Schritt nicht mehr, dann ist ihnen zu helfen.

ROSA: Was würdest du einer jungen Frau raten, wie sie sich zurecht finden soll mit Männern?

HELGA: Ich weiß überhaupt nichts mehr. Gestern hat mich eine Freundin aus Hamburg angerufen. 42 Jahre alt, ihre Tochter ist ein halbfarbiges Kind, 16 Jahre alt. "Stell’ dir vor" sagt sie, "die will doch nun mit diesem Nelson ficken. Aber ich habe gesagt: Bitte nicht in meiner Wohnung. Das geht ja nicht. Du mußt Rücksicht nehmen. Da ist doch noch Eddy, der ist erst zehn Jahre alt." Da sagte die Tochter: "Wo sollen wir denn hingehen?"Die Eltern, die sind Portugiesen. Es gibt nichts in dieser Gesellschaft, die können hinter den Busch gehen. Das haben sie ein-, zweimal gemacht und beim dritten Mal ist nichts mehr. Ich rate überhaupt keinem mehr etwas. Wo sind jetzt angstfreie Räume zum Einüben der Sexualität? In dieser Gesellschaft kann keiner seine Bedürfnisse befriedigen, weder ein junges Mädchen noch ein altes Mädchen, weder ein junger noch ein alter Mann. Die Männer haben sich noch ein paar Freiräume geschaffen, ihre Schwulität ist ja eine Möglichkeit, körperlich.

ROSA: Hast du lesbische Erfahrungen... Hast du mit einer Frau geschlafen?

HELGA: Ich habe lesbische Erfahrungen, gefickt, gerührt und...

ROSA: Hat dir das Spaß gemacht?

HELGA: Ja, mit Frauen, die sich verändern wollen, aber mich nicht grabschen wollen. Es gibt ja welche, die wollen mich grabschen.

ROSA: Wie siehst du den Unterschied zwischen einem körperlichen Fick zu einer Frau oder zu einem Mann?

HELGA: Ach, bei mit ist das so, ich will einen Schwanz in der Möse haben, und das andere ist einfach so. Z.B. wir haben mit Friedel auch schon zu dritt gefickt. Nelu, Friedel und ich. Friedel hatte Angst wegen ihrer Schwangerschaft oder so, hatte wohl nichts vorgesorgt, da hat der Nelu bei mir abgespritzt. Das war schon warm, mit Friedel habe ich mich gut gefühlt. Aber die Natur ist die Natur, ich habe die Natur nicht gemacht. Ein Baum ist total androgyn, der Stamm ist der Schwanz, die Krone da oben ist die Möse.

OH SCHÖNER BAUM, OH SCHÖNER BAUM

Wie stark ist doch dein Stamm nurDu fickst mich nur zur Sommerzeit... nein auch im WinterWenn ich das singe in einer Veranstaltung und es ist gerade mal Unruhe ‘reingekommen, dann ist alle Unruhe weg. Ich sage: "Jetzt sing’ ich schnell ein paar Weihnachtslieder. Weihnachten kann jede Nacht sein."ROSA: Bist du jeden Tag unterwegs?HELGA: Nein. Ich bin immer hier und das einzige, was ich mir jeden Tag eine Stunde im Café Kreuzberg hole, ist Kommunikation. Ich spreche immer Leute an. Z.B.: Vorgestern traf ich eine Frau mit einem mongoloiden Kind, die ist 27, das Kind ist ein Jahr, und der Mann ist auch 27. Der Mann ist total regrediert, der spielt Baby. Sie muß heizen, sie muß den Mann wecken, dann brummt er sie noch an. Aber wenn der Mann das Baby schmust, dann ist sie total eifersüchtig. Er soll sie schmusen, und sie sagt: "Ich weiß nicht mehr, was ich soll. Ich muß von da weggehen, aber wohin? Ich habe doch kein Geld." In dieser Gesellschaft kann man nichts machen. Ich rate keinem mehr etwas. So laut schreien, dass man sagt: Zuerst das Ficken und die Freude für all die ausgegeilten Leute, und dann die Arbeit und das Wissen und miteinander leben müssen. Das mit diesem "Ficken ist Ökologie", das ist mir erst kürzlich aufgegangen. Ich habe das Buch von Herbert Gruhl gelesen: EIN PLANET WIRD GEPLÜNDERT! Da schreibt er: Auch die Marxisten haben einen falschen Rechenansatz. Die rechnen Erde, Wasser, Luft nicht mit. Das bedeutet, jeder schmeißt seinen Scheiß ins Meer, bis das Meer umkippt. Man merkt immer erst an den Schäden die Ökologie. Da ist mir aufgegangen, so ist das mit Sexualität. Die saufen, die rauchen, die haben nachher Krankheiten, und erst wenn die Krankheiten auftreten, dann machen sich die Leute Gedanken über Spannungen. Ich lese in keinem Buch, dass das Ficken wichtig ist. Das ist eine Art privater Jux, den man sich von Zeit zu Zeit leisten kann. Ich will, dass Sexualität eine Grundtatsache ist, es gehört zum Leben dazu. Wenn ich morgens gefickt habe, kann ich besser arbeiten, wenn ich abends gefickt habe, kann ich besser schlafen. Ich bin primitiv.

ROSA: Wie ist dein Tagesrhythmus? Hast du einen bestimmten Rhythmus, bist du Frühaufsteherin oder...

HELGA: Na ja, im Moment ist das so, dass ich nicht früh aufstehen muß. Ich stehe um acht oder neun auf. Montags hole ich mir den SPIEGEL, donnerstags die ZEIT. Dann mache ich jeden Tag Aufzeichnungen über das, was ich erlebe. Ich schreibe jeden Monat 50 bis 100 Seiten. Ich habe 30 Aktenordner vollgeschrieben, das ist immer so eine Art Katharsis.

ROSA: Das machst du seit 1973?

HELGA: Seit 1970. Ich sammle seit 1952 alle meine Durchschläge, alles, was ich damals an Familienbriefen geschrieben habe, das ist nicht viel, aber es könnte auch Material sein. Ich wollte das schon alles wegschmeißen, aber Volker sagte: "Wehe!"

ROSA: Du hast nur ein einziges Buch mit Gedichten veröffentlicht?

HELGA: Ich habe bei Castaneda einen schönen Satz gelesen: Der Krieger schreibt als Lehrling. Ich dachte: Das ist schön! Ich schreibe also nicht wegen des Effekts, sondern nur, um Druck zu lösen.

ROSA: Du bietest deine Sachen auch nicht an?

HELGA: Nee, ich weiß nicht mehr, wo ich’s anbieten soll. Ich habe sie mal an den Helmut Braun Verlag geschickt, weil mir eine sagte, die wären aufgeschlossen, da in Köln. Da habe ich einen Zwischenbescheid gekriegt und nachher einen Brief, sie hätten großes Interesse, aber das wäre alles so privat, und daraus könnte man doch keine Literatur machen, sie wünschen mir einen guten Sachbuch-Verlag.Hier: Ich bin so allein und die Leute rennen alle ins Kino, der Supermann, die Killer, lange erwartet. Hier ist die Rosenhecke, und das ist die Großmutter, die macht Doktorspiele mit den Kindern, und Frauen und Kinder haben keine Seele, und die Kinder sind böse von Jugend an. Das sind Sprichwörter im Patriarchat. Der Krieg ist der Vater aller Dinge und die Liebe sollte die Mutter aller Menschen sein, aber das haben wir nicht gelernt. In dieser Gesellschaft, so wie wir sind, ist nichts zu erwarten. Ich gebe keinem mehr Trost und Hoffnung. Ich bin hier keine Maria, die das alles auf sich nimmt.

ROSA: Bist du viel allein?

HELGA: Ja. Aber das ist auch meine selbständig gewollte Einsamkeit. Sonnabend war ich z.B. zu einer Party eingeladen. Du, da bin ich drei Stunden gewesen, habe die letzte halbe Stunde mit meinem Neurotikerkleid getanzt und bin dann weggegangen. Die tranken ein Bier ans andere. Das war nicht mein Fest.

ROSA: Du hast die Energie und die Disziplin, viel zu schreiben und viel zu malen. Du liest auch sehr viel?

HELGA: Ja. Dann immer mit diesem Malen, das ist ja für mich irre. Paß auf! Da kann ich dir eine Geschichte erzählen. Hinter dir ist ein Bild, das heißt "Sophia". Ich habe ein Buch gelesen, MENSTRUATION, MAGIE, HEILEN. Das handelt von einer Therapeutin, die mit sechs Frauen auf die Reise nach Innen gegangen ist, und zwar Frauen, die starke Menstruationsbeschwerden hatten. Wir Frauen sind alle unglaublich beschämt an der Stelle, Schweinerei! Beim Lesen habe ich sehr viel geheult, habe auch sechs Seiten abgeschrieben. Da stand drin: Man soll mal nach innen sinken in seine Gefühle und sehen, wer sein objektiver Berater ist, und wer sein subjektiver Berater ist. Auf einmal habe ich gedacht: Meine objektiver Berater sind Maria und Jesus. Und zwar, Maria, diese Scheißtrine, die hat sich von den Männern in den Himmel setzen lassen. Ich zog Maria an ihrem blauen Kittel, jetzt mal runter hier auf die Erde! Immer wird den Kindern ein Kreuz aufgerichtet. Du stehst am Kreuz und weinst, du hast die Kreuze miterrichtet. Ich sage: Jetzt hier auf der Erde Ordnung machen, Maria! Hör mal, dein dummer Spinnkram, den du da machst, und die Männergeschäfte, die du wieder alle in Ordnung bringst, weil die dich da als Attrappe benutzen, das will ich nicht mehr. Jesus ist ja schon in Ordnung, der hat gesagt: Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein. Und liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das sind hier meine objektiven Berater, paß’ auf. Hier ist Maria und das ist Jesus. Jesus guckt die Möse seiner Mutter an. Wir müssen alle an die Möse unserer Mütter zurück, jeder Mann und jede Frau. Dann habe ich hier einen Schleier gemalt. Und zwar oben ist der blau, das hat etwas mit denken zu tun, und grün hat etwas mit Tatkraft zu tun. Und da habe ich das auf mein Kleid gemalt, das ist das Motiv, das Tabernakel, das Geheimnis.

ROSA: Dieses Kleid ziehst du öfters an?

HELGA: Na ja, ich habe immer ein bißchen Angst, weil das ja nicht gewaschen werden kann. Dann habe ich drüber nachgedacht, und da ist ganz etwas Irres passiert, als ich nachdachte, wer mein subjektiver Berater ist. Ich habe 1969 ein Gedicht geschrieben, als ich noch nicht wußte, dass ich eine Dichterin bin, und zwar über Sophia. Sophia heißt die Weisheit. Meine subjektive Beraterin ist Sophia:

ROSA: Was glaubst du, wie sieht das aus, wenn Du älter wirst. Wirst du immer versuchen, weiter Sexualität zu haben?

HELGA: Ich mach mir nie über ungelegte Eier Gedanken. Kommt Zeit, kommt Rat. Ich bin im Moment noch so schön körperlich, ich tanze unglaublich gern. Ich kann reden und mich bewegen. Warum soll ich nicht sagen, dass ich ficken will und sonst nichts! Versteh’ mal, alles andere habe ich ausprobiert. Ich habe schon alternatives Gemüse gezogen, als es noch gar nicht so hieß. Wir hatten zwanzig Jahre eigenes Gemüse. Ich habe sieben Kinder für diese Gesellschaft kaputtgemacht und weiß unglaublich gut, wovon geredet wird. Eine studiert noch, und eine ist Bankangestellte, eine lebt in Südfrankreich, macht das Alternativleben. Ich habe überall Praxis, verstehst du?

ROSA: Wie reagieren deine Kinder jetzt auf dich?

HELGA: Mechthild hat mich am meisten verstanden. Die ist jetzt 24 und hat mal in einer öffentlichen Veranstaltung gesagt: "Sie hat auch das Recht auf ihr eigenes Leben!" Als ich mal so jammerig gesagt habe: "Ich habe euch im Stich gelassen," da hat sie geantwortet: "Bring’ deine Sachen in Ordnung, dann hilfst du uns am meisten." Das Ist ein ganz toller Satz, bring’ deine Sachen in Ordnung.ROSA: Und die anderen?

HELGA: Du, mehr oder weniger. Die Älteste z.B. hat acht Jahre mit einem Mann gelebt, dessentwegen sie sich hat sterilisieren lassen. Der wollte sie total als Mama und Kind und weiß der Geier, was. Nach acht Jahren haben sie zwei Jahre in Südfrankreich gelebt. Sie wollten ein alternatives Leben. Dort hat sie einen Franzosen kennengelernt und hat einen schönen Sommer mit Serge erlebt. Doch Serge soff und wurde immer aggressiver. Er klaute auch und stellte die geklauten Sachen auf ihrem Grundstück ab. Sie sollte ausgewiesen werden. Da hat sie ihn ‘rausgeschmissen. Ihr Mann ging auch, und sie war allein da in Südfrankreich. Sie überlegte, was als Nächstes zu tun sei, und sie wollte ein Kind. Sie hat sich aus Haiti ein einjähriges Kind geholt, das ist jetzt drei Jahre alt, und seit der Zeit sind wir wieder in Kommunikation. Sie liest auch meine Durchschläge. Ich habe jetzt gerade einen Brief von einer französischen Lehrerin bekommen, die hat eine Frenet-Alternativschule in Frankreich, und die haben bei meiner Tochter eine Woche lang getöpfert, also eine Schulklasse. Ich will im Frühjahr meine Tochter besuchen. Meine Tochter hat auch den magischen Kreis überschritten, seit der Zeit konnte sie auch wieder mit mir Kontakt aufnehmen. Ein Sohn idealisiert mich sehr. Ich weiß nicht, wie ich ihn dazu bringen kann, dass er weiß, dass ich ihn als Säugling habe schreien lassen, und dass er erst den Haß ‘rausbringen muß, sonst ist alles verlogen. Ein Sohn will nichts mehr mit mir zu tun haben. Eine Tochter ist Lehrerin für Atmung und Stimme, mit der habe ich auch keinen Kontakt.ROSA: Wie haben sie das geäußert, weshalb sie den Kontakt abgebrochen haben?HELGA: Bei der Ältesten habe ich das richtig mitgekriegt. Ich habe mir doch dieses Institut für Sexualinformation über Gewerbeschein geholt. Ich hatte ein Schild an der Haustür. Als sie das erste Mal zu Besuch kam, da ist die nicht ins Haus ‘reingekommen. Sie blieb vor dem Schild stehen und kam nicht ‘rein. Der Ulrich hat mir 1972 einen Brief geschrieben. Seitdem er mitbekommen hätte, dass ich auf Annoncen schreibe und selber welche in die Zeitung setze, könnte er mich nicht mehr als Mutter bezeichnen.ROSA: Hast du keinen Kontakt mehr zu ihm?HELGA: Kinder sind Gäste im Elternhaus, und Kinder sind mehr oder weniger unsere Freunde. Man hält, was man läßt! Kinder brauchen auch ihre eigene Zeit. Bei der Ältesten habe ich das mitgekriegt, dass die jetzt erst für meine Sachen offen ist, weißt du? Die vier Ältesten haben meine Lernprozesse nicht mitbekommen, aber die drei Jüngeren haben die mitbekommen, und zu denen habe ich einen besseren Kontakt. Die haben gesehen, wie das ging, dass Mutter manchmal Besuch hatte und Vati jetzt zur Eva hinfährt. Die haben gesehen, dass das auch eine Möglichkeit ist.ROSA: Du bist In dieser Kommune von Otto Muehl gewesen. Wie lange warst Du da?HELGA: Ich war 1975 elf Tage da. Da habe ich am neunten Tag die Haare zur Glatze schneiden lassen. Das war für mich ein unglaubliches Erlebnis, weil... du kannst ja jetzt meine Haare sehen. Ich habe nie den Standard erfüllt. Ich bin jahrelang zum Friseur gelaufen. Ich wollte auch wie andere Frauen aussehen. Jahrelang trug ich Dauerwellen und eine Perücke. Für mich war das so unglaublich wichtig, dass mal die Haare einfach weg waren. Das hat die AAO auch mitbekommen, diese Gruppe von Otto Muehl. Die haben 1973 auf dem Acker gearbeitet, die Männer hatten ursprünglich lange Haare, das war so eine Hippie-Kommune, mit langen Haaren und langen Bärten. Doch bei der Arbeit auf dem Acker haben die Haare gestört, und so haben die Männer Haare und Bärte abrasiert. Da wollten die Frauen das auch. Sie entdeckten, dass die Leute plötzlich ganz schöne klare Gesichter hatten. Wieviel Neurose in den Haaren sitzt! Viele Männer kriegen früh eine Glatze. Wenn ein Mädchen schöne blonde Locken hat, dann heißt das nicht, das ist ein schönes Mädchen, sondern: Guck mal, die Blonde da! Dann geht es bloß um die Haare.ROSA: Wurdest du akzeptiert in der Kommune?HELGA: Ich hatte zuerst nicht so richtig kapiert, was da läuft. Als ich hinkam, da hieß es: Helga Goetze zieh’ dich aus. Ich hatte einen Büstenhalter, einen Gummistrumpf, einen Hüfthalter und fing da vor der ganzen Gruppe an, meine Sachen ‘runterzufummeln. Das hat für mich alles irgendwie sehr viel bedeutet. Das muß einmal gemacht werden. Dann zu sagen: Hier, Hallo! Ich bin 52 Jahre alt. Damals war ich 52, das ist sechs Jahre her.ROSA: Warst du die Älteste dort?HELGA: Ja. Dann war es so, dass die damals so eine Art Schreitherapie hatten. Ich dachte: Du kannst gar nicht schreien. Dann bin ich aufs Feld gegangen und habe angefangen zu schreien, weil ich so eine gute Schülerin bin und habe gedacht: Du mußt deine Aufgaben richtig machen. Beim Schreien habe ich angefangen zu heulen. Na, ja. Da habe ich gemerkt, dass ich ganz schön schreien kann, dass ich sehr viel Haß und Ekel und Aggression drauf habe. Ich bin nach elf Tagen weggefahren. Der Mann, mit dem ich dahin gefahren war, hat mich am zweiten Tag wie eine heiße Kartoffel fallen lassen, weil ich vor der Gruppe keinen guten Eindruck machte. Er hatte mich als die große Helga aus Hamburg angekündigt und erwartet, dass ich einen guten Eindruck mache. Aber wenn du in eine Gruppe kommst, wo du die Spielregeln gar nicht kennst... ich habe keinen guten Eindruck gemacht, verstehst du? Das war ihm derart peinlich, dass er sich lieber zum Papa hingeschlagen hat — die Männer sind raffiniert — von Mama kriegt man ja sowieso nachher nicht soviel sozial mit, wie von Papa. Er ist ein Dreivierteljahr in der Gruppe geblieben. Im vorigen Jahr hat er sich das Leben genommen. Als ich weggefahren war von der Gruppe, wollte ich auch so eine Gruppe haben. Ich will Leute haben, die an der Sexualität arbeiten wollen. Da habe ich alle Leute gefragt. Wir waren zuerst vier Leute. Michael war 19, Bernd war 21, Monika war 28 und ich. Wir hatten eine große 6-Zimmer-Wohnung, 1200 Mark Miete. Ein Vater hat gebürgt für die Wohnung, und so haben wir angefangen. Nach zwei Monaten ist der Bernd weggegangen. Der war derart aggressiv, der hat Flaschen an die Wand geschmissen, der hat Monika geschlagen, der hat Gitarren und einen Tisch kaputtgeschlagen. Wir wußten überhaupt nicht, was los war. Nachher ist er zu einer Mitschülerin gegangen, und das war eine strenge Mammi und da kam raus, dass der das gar nicht vertragen hat, Gefühle freizulassen. Der wollte eine strenge Mammi. Nach zwei Monaten war unsere Gruppe eigentlich schon ein Fiasko.ROSA: Habt ihr Gruppensex gemacht?HELGA: Wir haben immer nur getan, was sich ergeben hat, aus der Situation heraus. Aber, nee!ROSA: Und bei Muehl? Hattest du da Gruppensex?HELGA: Nee. Die machen auch geregelten Sex. Da hat jede Frau ein Doppelbett, und jede Frau soll auf den Mann zugehen, mit dem sie was machen möchte. Da waren die Männer meist impotent und aggressiv, weil der Mann ja gewohnt ist, dass die Aufforderung von ihm ausgeht. Dann merken sie, dass das eigentlich alles Krankheit ist. Krankheit sind Kränkungen — wir sind alle bis in die tiefste Seele hinein gekränkt. Die Mütter sind der schlimmste Krankheitsherd der Gesellschaft. Wir Frauen sind 6000 Jahre gedemütigt worden. Wir Frauen hatten keinen eigenen Namen und kein eigenes Geld und nur so viele Gefühle, wie Pappi uns zugeteilt hat. Da sagte einer zu mir: "Doof fickt gut." Ich sagte: "Klar! Gleich und gleich gesellt sich gern. Ich kriege ja nun alles ab. Ich kriege es auch von den jungen Frauen ab. Kürzlich war ich in so einer Pinte und habe da spontan meine Gedichte gesagt, da meint so ein junges, niedliches Mädchen: "Wie die aussieht!" Hinterher ist sie aber zu mir gekommen und wollte etwas von sich erzählen. Aber im ersten Moment weiß jede Frau, wie man auszusehen hat, wenn man auf dem Markt der Eitelkeit noch mitspielen will. Frauen passen besonders stark auf.ROSA: Wie siehst du die Schwierigkeit z.B. von Leuten in bezug auf dein Alter und deine Person? Ich meine, Leute haben gelernt, auf Reklamepuppen oder so geil zu werden...HELGA: Ja, aber siehst du, da passiert oft ganz etwas Süßes. Der Christoph z.B. hatte eine ganz emotionale Großmutter, und zwar eine Großmutter, die soff, und du weißt, was das heißt, eine Familie mit einer saufenden Großmutter! Die hat sich aber viel um ihn gekümmert, und ich habe oft erlebt, dass die Großmütter oft die einzigen waren, die emotional mit den Kindern umgingen, körperlich und offen, und plötzlich geht das über die Großmütter sehr gut.ROSA: Das heißt, das Ficken mit der Großmutter?HELGA: Ja. Einfach, dass ich ihnen das überlasse, dass sie es gestalten dürfen, dass sie auch ihre Zeit bestimmen dürfen. So der Satz: Ich hätte viel mehr begriffen, wenn man mir nicht soviel erklärt hätte, dass ich ihnen ihre Zeit lasse, dass sie mich nach zwei bis drei Jahren anrufen und sagen: Helga, wir haben ja damals gar nichts begriffen. So wie der Christoph schrieb: Du hast mir ja damals Liebesbriefe geschrieben, die lese ich jetzt. Nach drei Jahren ist ihm das aufgegangen. Das sind Lernprozesse und das Lernen tut weh, weil wir so verhungert und vernachlässigt sind in unserem Kopf, mit unseren komischen Räubergeschichten...ROSA: Bist du aggressiv? Gehst du aggressiv auf die Leute zu und sagst: Jetzt wird gefickt?HELGA: Nein. Volker hat gesagt, er hätte gar nicht gewußt, dass es soviel Sanftheit gibt. Ich bin wie ein Oberbett.ROSA: Haben die Leute Angst vor dir, vor deiner Direktheit?HELGA: Ja, klar. Ich komm’ ja nicht selber dahinter. Z.B. jetzt mal wieder praktisch. Da haben drei Leute mit mir eine Kassette gemacht. Die waren Karfreitag hier. Eine Tonkassette, es ist sehr schön gewesen. Der eine hat mir gleich hinterher selbst Gedichte gemacht.In meiner Umgebung fangen die Leute plötzlich an zu malen und Gedichte zu machen. Irgendwie fängt das plötzlich an, anzuregen. Hier war ein Straßenfest im August, und da war dieser Mann, Karl-Heinz. Ich wollte schrecklich gern, dass er mitkommt. Da habe ich ihn so ein bißchen drängeln müssen, da ist er mitgekommen. Es war unglaublich schön. Aber ein zweites Mal ist er nicht wiedergekommen. Ich hatte jetzt einen Auftritt, und da kam er mit seiner Freundin. Ich fragte ihn: "Wie ist das eigentlich, wenn man zu Helga Goetze geht?" Er sagte: "Warm, unglaublich warm!" Mir hat einer mal erklärt: Das ist wie in der Physik. Das mußt du physikalisch verstehen. Wenn ein Mensch erfroren ist, dann muß man ihn zuerst in einen kalten Raum tun und ihn mit Schnee abreiben. Wenn einer sein Leben lang mit Gefühlen erfroren ist, platzt der Organismus, wenn du ihn warm behandelst, das kann er nicht vertragen.ROSA: Glaubst du, dass Liebe etwas Negatives ist? Das Verliebtsein, das auf eine Person bezogene Lieben, dass man sagt: Da ist eine Person, und nur diese eine Person kommt jetzt für mich emotional in Frage...HELGA: Du, so wie es jetzt ist, ist das alles Krankheit. Wir sind als Kinder so vernachlässigt worden, der Volker hat in seinem neuen Buch "DAS PARADIES DER VÄTER" gesagt: Wir können eine Zweierbeziehung im Moment nur auf oraler Basis leisten. Das heißt, wir müssen uns gegenseitig füttern und Sicherheit und Wärme geben. Wir müssen einmal unser Ego auffüllen. Jetzt mal ein Beispiel: Einer, der will ein Auto haben, kauft es. Einmal muß er die Schnauze voll gehabt haben mit Auto, dann kann er auch das Auto lassen. Dann ist es gar nicht mehr so wichtig. So ist das mit allem. Jeder muß einmal sein Ego auffüllen mit Sicherheit und Wärme und gefüttert werden. Dann können wir uns erst genital öffnen. Wir haben das nicht gelernt. Im Patriarchat gibt es das nicht. Das sind Augenblickssachen. Wir haben unten eine Vitalschicht, und dann haben wir Haß, Ekel, Aggression Schleimigkeit und droben die Charaktermaske. Wenn wir uns mit der Charaktermaske begegnen, dann geht das noch einigermaßen. Der hat einen Porsche, und der verdient gut, und sie hat blonde Haare und tatü und Mammi und Pappi und so. Aber wenn nun die Durchbrüche kommen, plötzlich erinnert sich einer, dieser Mensch zieht die Nase hoch wie meine Mutter. Scheißmutter! Ich muß immer ein Taschentuch nehmen, und die zieht die Nase hoch! Und plötzlich ist er mittendrin in den negativen und kranken Gefühlen. Der kapiert ja gar nichts, der redet immer schön weiter. Das ist unsere Krankheit, die müssen wir bearbeiten.ROSA: Wenn du nun 30 Jahre jünger wärst, würdest du dich mit so einer offenen Sexualpolitik vor Angeboten kaum retten können, also es würden praktisch Schlangen stehen, und jeder würde sagen: Mit der möchte ich ficken. Das passiert ja den meisten jungen Frauen, die werden nur als Sexualobjekt gesehen und müssen sich wehren. Wie würdest du dich da wehren? Ich meine, du könntest ja nicht mit 1000 Leuten...HELGA: In Hamburg war das am Anfang so, dass Tag und Nacht das Telefon ging, und die wollten auch alle einmal mit HG und alles ist OK. Die dachten, wenn sie einmal mit Helga Goetze bumsen, ist ihr ganzes Problem gelöst. Nachher habe ich gesagt: Das könnt ihr euch gar nicht leisten. Ich kann mir auch keinen Porsche leisten. Bei mir kosten die Stunden inzwischen 500 Mark. Also für 500 Mark kann man doch in einer Stunde gar keinen Spaß kriegen. Das haben die auch schon mitgekriegt. Ich habe denen gesagt: "Ich habe den Tripper! Was willst du? Faß mich nicht an." Also, wenn du mich fragst, wie ich mich wehren soll...ROSA: Ja, aber ich meine, das ist doch die Situation, der Mann ist erzogen, aggressiv zu sein, zu werben, dauernd zu sagen, wo kriege ich etwas zum Ficken her? Die Frau wird erzogen, sich zu schützen. Das heißt, sie wird dauernd angeguckt, angegeilt von allen Selten und muß ja irgendwo eine Auswahl treffen, sie will nicht nur diesen Fick und dann weg, sondern sie will Wärme, sie will eine Beziehung, ja?HELGA: Im Moment verweigern sich die Frauen und ich bin auch am Verweigern. Auch dieser Mann, der drei Jahre in meiner Nähe ist, eigentlich viele Kenntnisse hat, und sie eigentlich nur dazu benutzte, sich nicht verändern zu müssen, ist eigentlich gegen mich. Wenn er sich ekelt, glaubt er, ist es OK, was soll ich dabei machen? Der soll zu Leuten hingehen, wo er sich nicht ekelt. Aber das ist so, die jungen Frauen, die wollen seine Art auch nicht. Ich sage: Ihr müßt solchen Frust haben, dass ihr nicht mehr vor und nicht mehr zurück könnt. Solange die Leute noch einen neurotischen Ersatz haben, solange sie noch Fernsehen haben oder die Feten und noch ein Kino und noch ein Kino, ist mit ihnen nichts anzufangen. Erst wenn die Leute keine Ersatzhandlung mehr machen können, wenn sie wirklich wissen, ich bin das, und ich habe Schmerzen, und ich möchte gerne etwas machen, und an der Stelle kann ich nachher sein, ich bin jetzt am Resignieren, ich weiß den nächsten Schritt nicht mehr, dann ist ihnen zu helfen.ROSA: Was würdest du einer jungen Frau raten, wie sie sich zurecht finden soll mit Männern?HELGA: Ich weiß überhaupt nichts mehr. Gestern hat mich eine Freundin aus Hamburg angerufen. 42 Jahre alt, ihre Tochter ist ein halbfarbiges Kind, 16 Jahre alt. "Stell’ dir vor" sagt sie, "die will doch nun mit diesem Nelson ficken. Aber ich habe gesagt: Bitte nicht in meiner Wohnung. Das geht ja nicht. Du mußt Rücksicht nehmen. Da ist doch noch Eddy, der ist erst zehn Jahre alt." Da sagte die Tochter: "Wo sollen wir denn hingehen?"Die Eltern, die sind Portugiesen. Es gibt nichts in dieser Gesellschaft, die können hinter den Busch gehen. Das haben sie ein-, zweimal gemacht und beim dritten Mal ist nichts mehr. Ich rate überhaupt keinem mehr etwas. Wo sind jetzt angstfreie Räume zum Einüben der Sexualität? In dieser Gesellschaft kann keiner seine Bedürfnisse befriedigen, weder ein junges Mädchen noch ein altes Mädchen, weder ein junger noch ein alter Mann. Die Männer haben sich noch ein paar Freiräume geschaffen, ihre Schwulität ist ja eine Möglichkeit, körperlich.ROSA: Hast du lesbische Erfahrungen... Hast du mit einer Frau geschlafen?HELGA: Ich habe lesbische Erfahrungen, gefickt, gerührt und...ROSA: Hat dir das Spaß gemacht?HELGA: Ja, mit Frauen, die sich verändern wollen, aber mich nicht grabschen wollen. Es gibt ja welche, die wollen mich grabschen.ROSA: Wie siehst du den Unterschied zwischen einem körperlichen Fick zu einer Frau oder zu einem Mann?HELGA: Ach, bei mit ist das so, ich will einen Schwanz in der Möse haben, und das andere ist einfach so. Z.B. wir haben mit Friedel auch schon zu dritt gefickt. Nelu, Friedel und ich. Friedel hatte Angst wegen ihrer Schwangerschaft oder so, hatte wohl nichts vorgesorgt, da hat der Nelu bei mir abgespritzt. Das war schon warm, mit Friedel habe ich mich gut gefühlt. Aber die Natur ist die Natur, ich habe die Natur nicht gemacht. Ein Baum ist total androgyn, der Stamm ist der Schwanz, die Krone da oben ist die Möse.OH SCHÖNER BAUM, OH SCHÖNER BAUMWie stark ist doch dein Stamm nurDu fickst mich nur zur Sommerzeit... nein auch im WinterWenn ich das singe in einer Veranstaltung und es ist gerade mal Unruhe ‘reingekommen, dann ist alle Unruhe weg. Ich sage: "Jetzt sing’ ich schnell ein paar Weihnachtslieder. Weihnachten kann jede Nacht sein."ROSA: Bist du jeden Tag unterwegs?HELGA: Nein. Ich bin immer hier und das einzige, was ich mir jeden Tag eine Stunde im Café Kreuzberg hole, ist Kommunikation. Ich spreche immer Leute an. Z.B.: Vorgestern traf ich eine Frau mit einem mongoloiden Kind, die ist 27, das Kind ist ein Jahr, und der Mann ist auch 27. Der Mann ist total regrediert, der spielt Baby. Sie muß heizen, sie muß den Mann wecken, dann brummt er sie noch an. Aber wenn der Mann das Baby schmust, dann ist sie total eifersüchtig. Er soll sie schmusen, und sie sagt: "Ich weiß nicht mehr, was ich soll. Ich muß von da weggehen, aber wohin? Ich habe doch kein Geld." In dieser Gesellschaft kann man nichts machen. Ich rate keinem mehr etwas. So laut schreien, dass man sagt: Zuerst das Ficken und die Freude für all die ausgegeilten Leute, und dann die Arbeit und das Wissen und miteinander leben müssen. Das mit diesem "Ficken ist Ökologie", das ist mir erst kürzlich aufgegangen. Ich habe das Buch von Herbert Gruhl gelesen: EIN PLANET WIRD GEPLÜNDERT! Da schreibt er: Auch die Marxisten haben einen falschen Rechenansatz. Die rechnen Erde, Wasser, Luft nicht mit. Das bedeutet, jeder schmeißt seinen Scheiß ins Meer, bis das Meer umkippt. Man merkt immer erst an den Schäden die Ökologie. Da ist mir aufgegangen, so ist das mit Sexualität. Die saufen, die rauchen, die haben nachher Krankheiten, und erst wenn die Krankheiten auftreten, dann machen sich die Leute Gedanken über Spannungen. Ich lese in keinem Buch, dass das Ficken wichtig ist. Das ist eine Art privater Jux, den man sich von Zeit zu Zeit leisten kann. Ich will, dass Sexualität eine Grundtatsache ist, es gehört zum Leben dazu. Wenn ich morgens gefickt habe, kann ich besser arbeiten, wenn ich abends gefickt habe, kann ich besser schlafen. Ich bin primitiv.ROSA: Wie ist dein Tagesrhythmus? Hast du einen bestimmten Rhythmus, bist du Frühaufsteherin oder...HELGA: Na ja, im Moment ist das so, dass ich nicht früh aufstehen muß. Ich stehe um acht oder neun auf. Montags hole ich mir den SPIEGEL, donnerstags die ZEIT. Dann mache ich jeden Tag Aufzeichnungen über das, was ich erlebe. Ich schreibe jeden Monat 50 bis 100 Seiten. Ich habe 30 Aktenordner vollgeschrieben, das ist immer so eine Art Katharsis.ROSA: Das machst du seit 1973?HELGA: Seit 1970. Ich sammle seit 1952 alle meine Durchschläge, alles, was ich damals an Familienbriefen geschrieben habe, das ist nicht viel, aber es könnte auch Material sein. Ich wollte das schon alles wegschmeißen, aber Volker sagte: "Wehe!"ROSA: Du hast nur ein einziges Buch mit Gedichten veröffentlicht?HELGA: Ich habe bei Castaneda einen schönen Satz gelesen: Der Krieger schreibt als Lehrling. Ich dachte: Das ist schön! Ich schreibe also nicht wegen des Effekts, sondern nur, um Druck zu lösen.ROSA: Du bietest deine Sachen auch nicht an?HELGA: Nee, ich weiß nicht mehr, wo ich’s anbieten soll. Ich habe sie mal an den Helmut Braun Verlag geschickt, weil mir eine sagte, die wären aufgeschlossen, da in Köln. Da habe ich einen Zwischenbescheid gekriegt und nachher einen Brief, sie hätten großes Interesse, aber das wäre alles so privat, und daraus könnte man doch keine Literatur machen, sie wünschen mir einen guten Sachbuch-Verlag.Hier: Ich bin so allein und die Leute rennen alle ins Kino, der Supermann, die Killer, lange erwartet. Hier ist die Rosenhecke, und das ist die Großmutter, die macht Doktorspiele mit den Kindern, und Frauen und Kinder haben keine Seele, und die Kinder sind böse von Jugend an. Das sind Sprichwörter im Patriarchat. Der Krieg ist der Vater aller Dinge und die Liebe sollte die Mutter aller Menschen sein, aber das haben wir nicht gelernt. In dieser Gesellschaft, so wie wir sind, ist nichts zu erwarten. Ich gebe keinem mehr Trost und Hoffnung. Ich bin hier keine Maria, die das alles auf sich nimmt.ROSA: Bist du viel allein?HELGA: Ja. Aber das ist auch meine selbständig gewollte Einsamkeit. Sonnabend war ich z.B. zu einer Party eingeladen. Du, da bin ich drei Stunden gewesen, habe die letzte halbe Stunde mit meinem Neurotikerkleid getanzt und bin dann weggegangen. Die tranken ein Bier ans andere. Das war nicht mein Fest.ROSA: Du hast die Energie und die Disziplin, viel zu schreiben und viel zu malen. Du liest auch sehr viel?HELGA: Ja. Dann immer mit diesem Malen, das ist ja für mich irre. Paß auf! Da kann ich dir eine Geschichte erzählen. Hinter dir ist ein Bild, das heißt "Sophia". Ich habe ein Buch gelesen, MENSTRUATION, MAGIE, HEILEN. Das handelt von einer Therapeutin, die mit sechs Frauen auf die Reise nach Innen gegangen ist, und zwar Frauen, die starke Menstruationsbeschwerden hatten. Wir Frauen sind alle unglaublich beschämt an der Stelle, Schweinerei! Beim Lesen habe ich sehr viel geheult, habe auch sechs Seiten abgeschrieben. Da stand drin: Man soll mal nach innen sinken in seine Gefühle und sehen, wer sein objektiver Berater ist, und wer sein subjektiver Berater ist. Auf einmal habe ich gedacht: Meine objektiver Berater sind Maria und Jesus. Und zwar, Maria, diese Scheißtrine, die hat sich von den Männern in den Himmel setzen lassen. Ich zog Maria an ihrem blauen Kittel, jetzt mal runter hier auf die Erde! Immer wird den Kindern ein Kreuz aufgerichtet. Du stehst am Kreuz und weinst, du hast die Kreuze miterrichtet. Ich sage: Jetzt hier auf der Erde Ordnung machen, Maria! Hör mal, dein dummer Spinnkram, den du da machst, und die Männergeschäfte, die du wieder alle in Ordnung bringst, weil die dich da als Attrappe benutzen, das will ich nicht mehr. Jesus ist ja schon in Ordnung, der hat gesagt: Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein. Und liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das sind hier meine objektiven Berater, paß’ auf. Hier ist Maria und das ist Jesus. Jesus guckt die Möse seiner Mutter an. Wir müssen alle an die Möse unserer Mütter zurück, jeder Mann und jede Frau. Dann habe ich hier einen Schleier gemalt. Und zwar oben ist der blau, das hat etwas mit denken zu tun, und grün hat etwas mit Tatkraft zu tun. Und da habe ich das auf mein Kleid gemalt, das ist das Motiv, das Tabernakel, das Geheimnis.ROSA: Dieses Kleid ziehst du öfters an?HELGA: Na ja, ich habe immer ein bißchen Angst, weil das ja nicht gewaschen werden kann. Dann habe ich drüber nachgedacht, und da ist ganz etwas Irres passiert, als ich nachdachte, wer mein subjektiver Berater ist. Ich habe 1969 ein Gedicht geschrieben, als ich noch nicht wußte, dass ich eine Dichterin bin, und zwar über Sophia. Sophia heißt die Weisheit. Meine subjektive Beraterin ist Sophia:

SOPHIA, SCHÖNE STILLE SCHWESTER ALLER MEINER WEGEDu warst bei mir, seit meinem AnbeginnDer Engel und die Magna MarthaEva Maria, du warst der allerletzte SinnAch all das Denken und das WollenDes großen Bruders fordern KraftDer Logos hat mich oft in seinen Bann geschlagenDoch langsam nahet die einsame, die allerletzte NachtWas habe ich erreicht und was geschaffenHier war’s ein Lächeln, doch auch oft VersehenDer Logos weist mir seine scharfen WaffenDoch du, du allermildesteDu zeigtest dein VerstehenSieh dir den Garten anDu siehst dein WesenIn stillen Farben eingebettet in das sanfte GrünenEs ist viel Kampf, bis dass die Saat zerblüht, genesenDoch endlich endet alles wohl in Harmonien.